Markus Zusak: Nichts weniger als ein Wunder, Limes

Sein Buch „Die Bücherdiebin“ , 2005 erschienen, wurde ein Weltbestseller.
Nun nach mehr als einem Jahrzehnt endlich ein neuer, großer Roman auf Deutsch, die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder, die erst ihre Mutter verlieren und dann verkraften müssen, dass ihr Vater sie im Stich lässt. „Mörder“ nennen sie ihn seitdem. Der unglückliche, gebrochene Mann flieht aus dem kleinen Haus unweit der Pferderennbahn, in der die Familie chaotisch aber glücklich gelebt hat. Jetzt haben die fünf raubeinigen, wilden Jungs nur noch sich und ihre Haustiere, die alle Namen antiker Helden tragen: die graue Katze heißt Hektor, der Goldfisch im Aquarium Agamemnon, die Taube Telemach, das Maultier Achilles, der Hund allerdings “nur“ Rosa.
Und das Klavier aus Walsnussholz ist noch wichtig, um sich zu erinnern. An Penelope, Penny Dunbar, die in Osteuropa bei ihrem Vater aufgewachsen ist. Er liebte das Klavierspiel und Homers Epen Ilias und Odyssee. Penny ist die Mutter der Jungs, die sie so sehr geliebt und an den Krebs verloren haben. „Jungs, ich werde sterben“ hatte sie in der Küche zu Matthew, Rory, Henry, Clay und Thomas gesagt. Matthew, der Älteste, der Ich-Erzähler, erinnert sich: „Ich kann es immer noch hören. Ich sehe unseren Vater endgültig und irreparabel zerstört an der Spüle. Dann ging er für Penny in die Knie. Hände auf zitternden Schultern... und dann sehe ich Clay, zu Boden geworfen, wie er mit dem Gesicht zur Decke starrt. Ich sehe Jungen und verknotete Arme. Ich sehe unsere Mutter, die ummantelt...“ Clay kommt eine Schlüsselrolle in dieser Familiengeschichte zu, die sich nur langsam enträselt. Auf den ersten Buchseiten beschreibt Zusak – oft mit eigenwilligen Sprach-Kombinationen - wie Matthew auf die alte Schreibmaschine, den „Klapperkasten“ einhaut und formuliert: „Ich will dir von meinem Bruder erzählen. Von dem vierten Dunbar-Jungen namens Clay. Ihm ist alles widerfahren. Und er hat uns alle verändert.“
Seit dem Tod der Mutter und dem plötzlichen Verschwinden des Vaters leben die fünf Jungs allein, nach ihren Regeln. Sie trauern, sie ringen miteinander, sie streiten, sie hoffen und sie suchen – nach einem Weg, mit ihrer Tragödie klarzukommen und ihren eigenen Lebensweg zu finden. Der Älteste ist 18, der Jüngste 11. Eines Abends kommt der Vater zurück und bittet um Hilfe: beim Wiederaufbau einer Brücke. Clay steht dem Vater zur Seite, die Bogen-Brücke gelingt – ein Wunder – und die fünf Brüder und ihr Vater finden sich wieder. Eine bewegende, am Ende tröstliche Geschichte.
Markus Zusak wechselt dabei Rückblenden und gegenwärtige Situationen, bis sich alles zusammenfügt, die schmerzlichen Erinnerungen der Jungs wie die Vergangenheit ihrer Eltern. Wie Penelope aus dem Ostblock flüchtet, sich in ihrer neuen Heimat als ungelernte Hilfskraft durchkämpft, bis sie Englisch-Lehrerin ist. Wie sie in die Pepper Street zieht und ein Klavier kauft, das die Spedition ins falsche Haus liefert. Zu Michael Dunbar – ein Mann, der Michelangelo bewundert und ein Talent zum Malen hat. So beginnt alles.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip, DuMont

Sie ist die Schlüsselfigur der Frauenbewegung, die charismatische Faith Frank, wunderbar schlagfertig, intelligent, furchtlos – zudem gut aussehend und mit einem Faible für feine Stiefel. Sie arbeitet für „Bloomer“, ein Magazin mit sinkender Auflage und hält Vorträge über Feminismus. Als die junge Greer Kadetsky ihr begegnet, ist sie eine mustergültige aber völlig unpolitische Studentin und sehr schüchtern. Dabei immer noch wütend auf ihre Eltern, die es verpatzt haben, sie für ein erstklassiges College anzumelden. Dann gab es in den ersten College-Wochen noch ein abscheuliches Erlebnis mit einem Typen namens Darren, es war ein agggressiver, sexueller Übergriff, der Greer total verwirrt hat. Aber sie wehrt sich. Zusammen mit anderen Betroffenen lassen sie T-Shirts mit Darrens Gesicht drucken. Darunter der Titel: „Unerwünscht“.

Sie trägt dieses T-Shirt, als sie Faith Frank die Frage stellt: „Was meinen Sie, was können wir gegen diese allgemeine Frauenfeindlichkeit unternehmen?“ Am Ende das Abends hat Greer jede Menge über Solidarität, Schwesternschaft und Protest gehört, und Faith Frank hat ihr ihre Visitenkarte gegeben. Es ist, als sei sie aus einem Dämmerzustand erwacht. Sie hat nur noch einen Wunsch, mit und für Faith Frank zu arbeiten, von ihr zu lernen, von ihr anerkannt zu werden.

Meg Wolitzer erzählt von einem halben Jahrhundert Feminismus, das so unterschiedliche Frauentypen wie eben Faith und Greer hervorgebracht hat. Wie geht zeitgemäßer Feminismus? Was macht die Stiftung, für die Faith und Greer arbeiten? Wie gehen Frauen miteinander um? Wie verhalten sie sich, wenn sie Rivalinnen werden? Es geht um Liebe und Loyalität, um Macht und um Femininismus. Das ist spannend und einfühlsam erzählt. Und auch mit der Figur Gory schildert die Autorin einen sehr besonderen Mann. Gory ist Greers langjähriger Freund, ein Vertrauter, ein Verbündeter. Die beiden sind ein Paar, aber dennoch in ihrem Streben nach Erfolg auch Konkurrenten. Wer wird es schaffen und wie schnell?

Gory, der als Consulter in Manila viel Geld verdient, wirft alles hin, als seine Familie ihn braucht. Er kümmert sich um seine kranke Mutter und übernimmt sogar ihre ehemaligen Putzstellen. Er verbittert nicht, sondern arrangiert sich mit diesem neuen Leben und seinen Aufgaben. Greer, voll darauf konzentriert, ihre eigene Stimme zu finden, eine persönliche Botschaft zu haben und eine Aufgabe zu erfüllen, kann Gorys Entscheidung nicht verstehen. Das Paar trennt sich - vorerst.
Alles endet versöhnlich. Greer macht Karriere. Ihr Buch „Außenstimmen“, ein lebhaftes, optimistisches Manifest, das die Frauen auffordert, den Mund aufzumachen, wenn ihnen etwas missfällt, steht seit einem Jahr auf der Bestsellerliste. Zitat: „Das Buch hatte Frauen ermutigt, standhaft und lautstark zu bleiben. Und das war zur Zeit dringend nötig.“

Dem kannn man nur zustimmen Meg Wolitzers Buch kommt zur richtigen Zeit.

Bernhard Schlink: Olga, Diogenes

„Viele Frauen kommen in Olga zusammen“, sagt Bernhard Schlink im Interview. „Wir hatten eine Nähfrau in meiner Kindheit, die auch taub war - wie Olga. Ich hatte eine Patentante, die Lehrerin wurde, Volksschullehrerin, und ihr Leben lang unverheiratet blieb. Und dann gab es die vielen Frauen, denen ich als Student und Assistent in der Universität begegnet bin. Sekretärinnen, die unter ihren geistigen Fähigkeiten leben mussten, weil für Frauen einfach keine Chancen waren, und eigentlich wunderbare Germanistinnen, Juristinnen, Publizistinnen geworden wären. Das ist ja eine ganze Generation von Frauen, die unter ihren Fähigkeiten leben mussten.“ So setzt der Schriftsteller und Jurist, der seit seinem Buch „Der Vorleser“ (1995 erschienen) zu den weltweit bekanntesten deutschen Autoren gehört, nicht nur seiner Hauptfigur Olga sondern all den starken Frauern, die ihm bisher begegnet sind, ein literarisches Denkmal.

Olga Rinke ist eine sehr bemerkenswerte Frau, sie erkämpft sich ihren Platz, wird gegen viele Widerstände Lehrerin im deutschen Kaiserreich. Die Tochter eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter, 1883 in Breslau zur Welt gekommen, wächst nach dem frühen Tod der Eltern bei der deutschen Großmutter in Pommern auf, ehe sie als Lehrerin ins ostpreußische Memelgebiet geht und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Heidelberg flieht, wo sie 1971 stirbt.

Seit Kindertagen und ein ganzes Leben lang hat Olga Herbert geliebt, den reichen Gutsbesitzerssohn. Herbert will ein Held werden, einer der etwas Großes vollbringt. In Deutsch-Südwestafrika beteiligt er sich als Offizier am Völkermord an den Herero, später will er in einer waghalsigen Aktion die Arktis für Deutschland erobern. Ein ruheloser Geist, Olga liebt das Sehnsüchtige an ihm, aber sie sieht auch diesen Größenwahn. Zitat: „Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und gegen andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl. Aber Herberts Wangen glühten und Augen leuchteten, und sie konnte nicht anders, als ihn verliebt anzuschauen.“
Lädt Olga Schuld auf sich in ihrer unerschütterlichen Treue zu Herbert? Die Psychologie der Schuld ist ja immer ein Thema des Juristen Schlink. Diese Frage stellt sich auch, als Olgas Sohn zur SS geht, im Reichssicherheitshauptamt arbeitet, in einer der mörderischen Behörden des NS-Staates. Olga hatte den Nationalsozialismus instinktiv immer abgelehnt.

Herbert bleibt verschollen im ewigen Eis. Olga verliert, als sie taub wird, ihre Lehrerinnenstelle und schlägt sich als Näherin durch, bevor sie 1945 in den Westen flüchtet.

Bernhard Schlink hat seinen Roman in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil schildert der Autor Olgas Leben, im zweiten Teil wird Ferdinand Olgas Chronist. Ferdinand, ein Pfarrerssohn – in dessen Familie Olga als Näherin arbeitet - erzählt, wie er Olga als kleines Kind kennenlernt, wie sie zu einer wichtigen Freundin für ihn wird. Gemeinsam wandern sie, gehen ins Kino, reden miteinander. Selbst als Student besucht er Olga regelmäßig, wenn er nach Hause fährt. Es entsteht eine warmherzige Beziehung wie zwischen Großmutter und Enkel, eine große Verbundenheit.
„ Ich dachte an Fräulein Rinke, zu deren Füßen ich gespielt, die mich am Krankenbett besucht und die mich verstanden hatte, als ich von meinen Eltern nicht verstanden wurde... ich erinnere mich an ihre Haltung, den Klang ihrer Sprache, den hellen Blick ihrer grünen Augen", schreibt Ferdinand, als Überleitung für den letzten Teil. Es sind die Briefe, die Olga an Herbert geschrieben hat. 1913 bis 1971 postlagernd nach Tromsö, ins nördlichste Norwegen., immer noch in der Hoffnung, Herbert käme von seiner Expedition zurück.

Und nun fügt sich plötzlich alles zusammen, erklärt sich und schließt sich der Kreis. Olgas Briefe liefern die Emotionen, die man im ersten Teil ein wenig vermisste, hinterfragen das ewige Thema, was Liebe erwarten und fordern darf. Zitat: "Ich halte Dich nicht fest... Ich weiß, dass Du aufbrechen musst. Ich vermisse Dich nur."

Ferdinand hat die Briefe bei einem norwegischen Antiquar aufgetrieben. Und er hat Adelheid kennen gelernt. „Wenn Adelheid kommt, fahren wir in meine Heimatstadt und gehen auf den Bergfriedhof zu Olgas Grab. Natürlich weiß ich jetzt, dass die Enkelin mich an die Großmutter erinnert. Wie schön, dass mir in Adelheids das Gesicht Olgas begegnet.“

 

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer& Witsch

Ein gesellschaftlicher Skandal, die Bohème des Fin de Siècle und ein Ausnahme-Schriftsteller:
Klaus Modick spürt den emotionalen und gesellschaftlichen Widersprüchen der Jahrhundertwende nach und erzählt davon, wie ein Außenseiter zu einem brillanten Schriftsteller wurde. Ein fiktiver Roman, der auf den Fakten der Biografie Keyserlings basiert, geistreiche 235 Seiten, ein melancholischer Grundton und mit Figuren, die mit feiner Ironie und großer Empathie gezeichnet sind.
„ Es ist ja alles anders gekommen. Wegen der leidigen Affäre in Dorpat. Aber vielleicht war die Sache gar nicht dumm, sondern ein Glücksfall, das große unverdiente Los. Wenn es Korrekturbogen des Lebens gäbe, in denen man nach Belieben Fehler ausmerzen könnte, die man im Leben gemacht hat, oder hinzufügen könnte, was einem im Leben fehlt... würde er dann die Dorpater Dummheit streichen? Wohl kaum, denn dann wäre er jetzt nicht hier als Dichter unter Dichtern, sondern säße vermutlich unglücklich verheiratet auf seinem Schloss in Kurland...“
Eduard von Keyserling ist in Erinnerungen versunken. Gerade vom Schwabinger Stammtisch im Café Leopold in seine Wohnung zurück gekehrt, muss er, der dandyhafte baltische Graf , 1901 bereits ein anerkannter Dichter, an seine Flucht nach Wien denken, weg von der Universität, weg von der Familie und dem gräflichen Landsitz – damals vor zwei Jahrzehnten.
Immer wieder fragen auch die Freunde nach seiner Jugend-und Studentenzeit. Keyserling antwortet zögerlich und gibt sich geheimnisvoll. Kein Wunder, dass Gerüchte kursieren.
Der Dramatiker Max Halbe hat die Münchner Freunde eingeladen, die Sommerfrische in seinem Haus am Starnberger See zu verbringen. Lovis Corinth will Keyserling malen, ein Porträt entsteht, das den von der Syphilis gezeichneten Dichter in geradezu faszinierender Hässlichkeit zeigt. *
Als Keyserling zusammen mit Frank Wedekind ein Konzert besucht, holt den Grafen die Vergangenheit endgültig ein. Die Sängerin auf der Bühne erscheint ihm merkwürdig vertraut. Ist sie nicht die Frau, die ihn vor mehr als 20 Jahren getäuscht und betrogen hat und und zur persona non grata in Adelskreisen machte? Der gesellschaftliche Skandal vertrieb Keyserling in sein neues Leben. Ada hieß diese Frau, er war fasziniert von ihr – nun singt sie, stark geschminkt und vorzeitig gealtert, auf der Bühne des Tutzinger Hofs. An einer Attitüde hat Keyserling sie wiedererkannt. „Die halb hoheitsvolle, halb laszive Geste, mit der die Frau auf der Bühne eine letzte Kusshand in den Applaus wirft, wischt letzte Zweifel beiseite...“. Ein atmosphärisch-dichtes, spannendes Lese-Vergnügen.

* Das Bild hängt in der Neuen Pinakothek in München.

Nikola Scott: Zeit der Schwalben, Wunderlich

„Ich schloss das Tagebuch und legte es oben auf die anderen... Meine Mum war eine Überlebende, und ich war stolz auf sie, stolz, dass sie das Kinn gereckt und die Schultern gestrafft hatte. Sie hatte ihr schwieriges, belastetes Leben weitergelebt und in Anbetracht der Umstände hatte sie es gut gemacht.“
Addie, Adele Harrington, die diese Tagebücher kurz nach dem Jahrestag des Todes ihrer Mutter Elizabeth auf dem Dachboden findet, spürt immer noch, inzwischen ist sie 40, den Erwartungsdruck, den ihre Mutter auf sie ausgeübt hat. Addie stand die Welt offen, wie ihre Mutter es nannte. Aber sie wollte „nur“ Bäckerin und Konditorin werden... Nachdem sie Stück für Stück Mutters Vergangenheit kennen lernt, versteht Addie. Begreift, mit welchem Alptraum ihre Mutter leben musste.
Am Jahrestag, zu dem sich die Geschwister mit dem Vater im Elternhaus trafen, hatte Addie ein sehr merkwürdiges Telefonat mit einem Fremden, kurze Zeit später stand eine hochgewachsene, gut gekleidete Frau in Addies Alter vor der Tür und fragte nach der verstorbenen Mutter. Im weiteren Gespräch sagte sie plötzlich: „Ich bin ihre Tochter...“
Nikola Scott, die in verschiedenen Verlagen in den USA und in Großbritannien als Lektorin gearbeitet hat, debütiert mit diesem Familienroman. „Familiengeschichte“, sagt sie, „hat mich immer schon fasziniert, zum Teil wegen der Geschichten an sich, zum Teil aber auch, weil sie unserem Leben eine zusätzliche Dimension verleiht, die uns hilft zu begreifen, wer wir sind. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind alle das Produkt unserer Familie, unserer Eltern. Ihre Erfahrungen haben direkte Auswirkungen auf unser Leben und darauf, was sie für wichtig halten uns beizubringen. Ich denke, diese Erfahrungen besser zu verstehen hilft dabei, sich selbst zu verstehen“.
So geschieht es auch Addie. Als sie erfährt, in welcher psychologischen und emotionalen Verfassung ihre Mutter war und wie es dazu kam, kann sie auch ermessen, warum die Beziehung zwischen ihnen beiden so war, wie sie war. Es ermöglicht ihr, ihren Frieden damit zu machen und sich im Laufe der Geschichte zu entwickeln, zu wachsen.
Das Familiengeheimnis wird von Nikola Scott entblättert. Auf spannende Weise und mit großer Empathie. Zwei Erzählstränge, Elizabeth von 1959 und Addies Gegenwart, fügen sich wie Mosaiksteinchen zu einem Lebensbild zusammen. Die Frau vor der Haustür ist Addies Zwillingsschwester Phoebe, ihr wunderbarer Vater nicht ihr Erzeuger, aber er bleibt ihr geliebter Dad. Addie und die neue Schwester –beide werden sehr schnell vertraut miteinander – gehen auf Spurensuche. Sie finden ihre Mutter Elizabeth, 17jährig, die ihre geliebte Mutter verloren hat und unter ihrem konservativen, emotional verkümmerten Vater leidet; sie finden ihre Mutter Elizabeth, die einen traumschönen Sommer in Sussex mit jungen Leuten erlebt. Reiten, schwimmen, Parties, der erste Kuss. Und Addie und Phoebe erfahren, warum und wie sie als Babies auseinander gerissen wurden. Von der Familientragödie, die eingebettet ist in die schwierige, traurige Geschichte unverheirateter Mütter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. „In Elizabeths Erfahrungen verschmelzen viele herzzerreißende Geschichten aus Geschichtsbüchern, Romanen und Online-Foren darüber, was unverheiratete Mütter durchmachten, als Kirche und Gesellschaft uneheliche Schwangerschaften verdammten, “ berichtet Nikola Scott. Belegt mit „Sünde, Strafe, Stigma“ klingt manches wie finsteres Mittelalter und ist doch nur ein paar Jahrzehnte her. Das Erbe erzwungener Trennungen von Mutter und Kind ist sicherlich in der Realität weitreichend und verheerend. Wie tröstlich, dass es im Roman gut enden darf. Der letzter Satz lautet: „ Phoebe legte ihren Arm um mich, und ich legte meinen Kopf an ihre Wange, und so standen wir da und betrachteten den Rosengarten, der unsere Mutter für ein paar kurze Wochen sehr glücklich gemacht hatte“.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks, S. Fischer

Zwanzig Jahre nach dem „Gott der kleinen Dinge“, jenem Roman, der die Schriftstellerin weltberühmt gemacht hat, nun endlich ein neues Buch: „Das Ministerium des Äussersten Glücks“. In all den Jahren hat sich Arundhati Roy mit diesem großen Buch über Indien beschäftigt – und sich dabei und vor allem politisch und humanitär in ihrem Heimatland engagiert. So ist auch das neue Buch ein politisches Buch, 600 Seiten, die den Leser voll mit den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der indischen Gesellschaft konfrontieren, aber das verwoben mit großer Poesie und für uns begreifbar gemacht an den Geschichten ihrer Figuren, die sie mit Warmherzigkeit schildert. Ihre Helden, die Stimmungen, die Bilder, die Sprache ziehen hinein in ein labyrinthisches Gefüge, das voller Überraschungen und Wendungen steckt.
Aftab, ein ersehnter Sohn, ist 15, als er ein neues Leben beginnt. Denn aus Aftab wird Anjum. Anjum ist eine Hijra, eine Angehörige des „dritten Geschlechts“, nicht nur Mann, nicht nur Frau, sondern irgendwas dazwischen. Anjum lebt in Delhi wie Hijras in Indien leben, außerhalb der Familien, in eigenen Gemeinschaften, wo sie den Lebensunterhalt durch Tanzen, sexuelle Dienstleistungen und Betteln verdienen. Die Gemeinschaft ist eine „Khwabgah“, ein Haus der Träume. Bei Arundhati Roy werden hier „ heilige Seelen befreit, die im falschen Körper gefangen sind.“ Hijras blicken in Indien auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück.
Anjum ist eine der unvergesslichen Heldinnen dieses Buches, die Schicksale der anderen sind ebenso wunderlich, manchmal komisch, manchmal schräg. Anjum wird sich später auf einem verfallenen muslimischen Friedhof ein Leben einrichten. „Sie lebte auf dem Friedhof wie ein Baum: In der Morgendämmerung verabschiedete sie die Krähen und hieß die Fledermäuse zu Hause willkommen. In der Abenddämmerung tat sie das Gegenteil.... Nach ihrem Einzug musste sie monatelang beiläufige Grausamkeiten ertragen wie ein Baum - ohne zusammenzuzucken. Sie drehte sich nicht um, um nachzusehen, welcher kleine Junge einen Stein auf sie geworfen hatte, reckte nicht den Hals, um die Beleidigungen zu lesen, die in ihre Rinde gekratzt wurden. Wenn die Leute sie beschimpften... ließ sie die Kränkung durch die Äste wehen wie eine Brise und benutzte die Musik ihrer raschelnden Blätter als Balsam, um den Schmerz zu lindern.“
Ajum hat bald eine Truppe Verlorener auf dem Friedhof um sich geschart und lässt nach und nach Zimmer um Zimmer neben den Gräbern bauen. Ein Gästehaus, ein Bestattungsinstitut, aber auch eine Arche Noah für verwundete Tiere entstehen so.
Gefragt, ob der Roman eine Suche sei nach einer Art der Liebe, die unter dem Druck der Gesellschaft überlebt, antwortet Roy: „Ich bin mir nicht sicher, ob der Roman eine Suche ist oder war. Er ist, wie er ist. Eine genauere Definition, ein präziseres Resümee kann ich nicht finden. Er ist.
In all den Jahren voller Reisen, Leben, Wohnen und Lieben, in denen ich an ihm schrieb, war ich immer wieder überrascht, an den unwahrscheinlichsten Orten Liebe, Hoffnung, Glück zu finden – und im Gegenzug zu entdecken, dass woanders völlig unerwartet Verzweiflung und Gemeinheit, Kleingeist und Pessimismus wie Pilze aus dem Boden schießen“.

Leon de Winter: Geronimo – Diogenes

Was für eine kühne Behauptung! Was für eine unglaubliche und hochspannende Geschichte!
Leon de Winter erzählt bei einem TV-Gespräch über ein offizielles Essen, bei dem er einen hochrangigen Geheimdienstmann als Tischnachbarn hatte. Man sprach über den Tod von Osama bin Laden. Wir alle haben ja noch die US-Regierungsmitglieder vor Augen – bei der Übertragung des entscheidenden Fotos, den Beleg für den Tod des meistgesuchten Mannes der Welt.
„Ja, glauben Sie denn wirklich diese Geschichte...“ soll der Geheimdienstmann zu Leon de Winter damals gesagt haben. Und der hat lange über diesen Satz nachgedacht und einen politischen Thriller daraus gemacht: Er hat eine geheime Hintergrundgeschichte zu der spektakulären Aktion „UBL“ im Mai 2011 dazu erfunden – und die klingt verblüffend real.
Leon den Winter löst die Grenzen zwischen Realität und Phantasie auf. Er verbindet die Geschichte der Männer vom Seals Team 6, das die Operation Osama bin Laden durchgeführt hat, mit drei weiteren Erzählsträngen, die er klug und kunstvoll miteinander verbindet. Der Befehl für das Seals Team 6 lautete „kill or capture“, ihr Codewort war Geronimo ( nach dem berühmten Apachen-Häuptling). Leon Winter schreibt über den Ex-CIA-Mann Tom, durch den wir in die Aktionen und Machenschaften der Geheimdienste eingeweiht werden. Über das afghanische Mädchen Apana, das für sich die Musik entdeckt und eine Leidenschaft für die Goldberg-Variationen von Bach entwickelt. Über den pakistanischen Jungen Jabbar aus Abbottabad. Er wohnt in der Nachbarschaft eines großen Anwesens, das von hohen Mauern umgeben ist und das in der Nacht des 1. Mai 2011 zum Tatort wird. Jabbar wird später aus diesem Haus einen alten Küchenschemel mitnehmen. Wie hätte er wissen sollen, dass in einem der Stuhlbeine ein USB-Stick versteckt ist, der sein Verhängnis werden wird.
Wie schon gesagt, eine irrwitzige Geschichte, manchmal nimmt sie einem den Atem, oft berührt sie mit emotionalen schönen Momenten – und ständig stärkt sie die Gewissheit, dass nichts so ist, wie es scheint. Danke, Leon de Winter für dieses fesselnde Lese-Stück.

Kirschblüten und rote Bohnen– von Durian Sukegawa, Dumont

Das ist eine zauberhafte, melancholische Geschichte voller Lebensweisheit über eine ungleiche Freundschaft zweier Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Und sie führt uns vor, wie großartig die kleinen Dinge des Lebens sind, die unser tägliches Glück ausmachen können. Ein üppig blühender Kirschbaum zum Beispiel oder eine süße Bohnenpaste, die einen Gourmet verzücken würde. Man merkt es immer wieder in diesem kleinen Buch, der Autor, Jahrgang 1962, hat Philosophie in Tokio studiert, Kirschblüten und rote Bohnen ist sein erster ins Deutsche übersetzte Roman.
Die Geschichte von Sentaro, einem frustierten jungen Mann, der nur noch selten davon träumt, ein Schriftsteller zu werden und der alten Tokue, die ein schwieriges Leben meistern musste und das auch geschafft hat, beginnt an einem Imbissstand. Hier arbeitet Sentaro lustlos vor sich hin: runde Pfannkuchen, Dorayaki heißen sie, gefüllt mit rotem Bohnenmus, bietet er seinen Kunden an. Sein fades Fertigmus kommt aus dem Kanister, er klatscht es auf die Pfannkuchen und hat weder Sinn für die wunderbar blühenden Kirschbäume vor dem Imbiss noch spürt er sonst irgendeine Lebensfreude. Er hat auch keine Idee mehr für sein Leben. Und natürlich wirkt sich seine niedergeschmetterte Haltung aufs Geschäft aus. Es läuft schleppend bis schlecht. Bis eines Tages die alte Tokue den Laden betritt. Sentaro hält sie erst für ein wenig altersverwirrt, als sie z. B. sagt: „Man muss sich die Bohnen genau ansehen und ihnen zuhören...“ Aber dann kostet er Tokues Bohnenpaste – und schämt sich für das, was er bisher seinen Kunden zugemutet hat. Das Geheimnis der roten süßen Bohnenpaste, die die Pfannkuchen erst so köstlich macht, besteht aus stundenlanger gerührter Arbeit und ganz viel Zuwendung, siehe Zitat oben. Und es lohnt sich, nachdem Tokue das Mus übernommen hat, boomt der Laden. Und der bisher unglückliche Sentaro blüht auf. Allerdings, die nächste Herausforderung wartet schon, das Leben wäre ja auch zu einfach, wenn das das happy End wäre...

 

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin – Piper

Die Familie ist aus dem Osten geflohen und in Westdeutschland angekommen. Birgit Vanderbeke erzählt die Geschichte ihrer Familie aus ihrer Sicht als Siebenjährige. Reizvoll daran ist, dass die Geschichte zwar immer nah an der kindlichen Betrachtung bleibt, aber die Erwachsenen-Sicht von heute mischt sich ein, liefert die Hintergründe, die Analyse. Warum verhalten sich die Eltern so? Warum glaubt der Vater, er verplempere mit der unzufriedenen Frau und dem bösen Kind seine Jugend? Warum träumt die Mutter immer noch von damals, als sie mit einem Gutsbesitzers-Sohn verlobt war. Nur aus Angst, als alte Jungfer zu enden, hat sie sich damals mit dem mehr als zehn Jahre jüngeren Vater eingelassen. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater hat in Ostberlin studiert. Es war auch gar nicht ganz sicher, ob er überhaupt nach dem Studium in den Westen nachkommen würde. Nun ist die Familie aus dem Flüchtlingsheim in eine Dreizimmerwohnung gezogen. Im Wohnzimmer stehen die Teakholz-Möbel, von denen die Mutter schon so lange geträumt hat, man fährt einen Opel Kapitän. Eine bürgerliche Familie, im Aufstieg begriffen.
Die Mutter singt das Geburtstagslied: Ich freue mich, dass du geboren bist – und das Kind weiß, während es da steht und zuhört, dass nichts stimmt. Jedes Wort ist gelogen. Es gibt an diesem Tag zwar auch den üblichen Kindergeburtstagskuchen der sechziger Jahre: „Kalter Hund“. Aber sonst ist nichts in Ordnung in diesem Hause. Das einsame und unverstandene Kind braucht dringend eine Idee, wie es den gewalttätigen Händen ihres Vaters und der Lieblosigkeit und den Lügen der Mutter entfliehen kann. Der Uhrenkasten, in dem es sich oft versteckt, ist auf Dauer kein Ausweg...
Der Klappentext verrät, dass hier vieles autobiographisch ist und so verwundert es auch nicht, dass die kleine Ich-Erzählerin der Familienhölle dank der Literatur entrinnt. Die hilft, sich in andere Welten zu träumen oder in die Zukunft zu reisen. Und nur so kann sich das Kind dann selber das Geburtstagslied singen: Ich freue mich, dass ich geboren bin...

Alles worauf wir hofften – von Louisa Young, List

„Sie müssen nur einen Roman über den Ersten Weltkrieg lesen, nämlich diesen“, schrieb die Times. Das finde ich zwar stark übertrieben, aber dieser Roman, „wütend und zärtlich“, zugleich, um einen andere Pressestimme (The Observer) zu zitieren, ist wirklich ein außergewöhnlicher Roman über den Krieg, über die körperlichen und seelischen Wunden, die er schlägt und über den Wundschmerz, der das Leben aller nach dem Krieg prägt. Der zurückgekehrten Soldaten, der Ehefrauen, der Verlobten, der Kinder – die Verwüstungen und Veränderungen sind jeden Tag zu spüren und die Erschütterungen bleiben in der Regel unausgesprochen. Man redet nicht darüber, man nimmt keine professionelle Hilfe in Anspruch, damals nach dem Ersten Weltkrieg war das noch unbekanntes Terrain.
Wir befinden uns also im Jahr 1919. Zwei Ehepaare in London. Nadine hat ihren mittellosen Verlobten, dessen Gesicht komplett zerstört ist und der nur noch mühsam sprechen kann, gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet. Auf ihrer Hochzeitsreise nach Italien, ein Geschenk von Freunden, versuchen sie, für sich eine Normalität wieder zu finden. Rileys Selbstsicherheit ist verschwunden, doch Nadine liebt ihren Mann trotz des entstellten Gesichtes, trotz einer ungewissen Zukunft. Erst als sie die Barrieren überwinden und endlich auch ein Paar werden, ist die Vertrautheit zurück, weitere Probleme zeichnen sich allerdings ab. Doch die beiden schaffen es.
Anders Peter und Julia, die ohne wirtschaftliche Probleme zurückgezogen mit ihrem kleinen Sohn Tom, drei Jahre, auf ihrem Landsitz leben. Peters Nächte sind ein einziger Alptraum, immer wieder ist er mitten unter den Toten und Verwundeten der Schlachtfelder an der Somme, halb erstickt von Blut und Schlamm. Riley hat ihn, als er verwundet wurde, in den rettenden Graben geschleppt. Ihm verdankt er sein Leben. Peter betäubt sich tagsüber mit Alkohol, igelt sich ein in der Bibliothek. Keiner erreicht ihn mehr. Der kleine Tom bleibt allein mit seiner Sehnsucht nach Vater und Mutter. Julia, völlig ratlos und auch recht verständnislos, die bisher ein ziemlich oberflächliches Leben geführt hat, verlässt das Haus, flieht von Locke Hill nach Südfrankreich...
Louisa Young lässt uns sehr einfühlsam und eindringlich an den Gefühlen und Handlungen der vier Hauptfiguren teilnehmen, skizziert auch ihre Gedankengänge. So schafft sie ein intensives Gefüge, das uns teilhaben und mitleiden lässt an diesem Kampf ums Überleben und um ein bisschen Glück und Stabilität.