Sigrid Damm: Im Kreis treibt die Zeit, Insel

2009 hat sie die Nachlasspapiere ihres Vaters aus dem Keller geholt, erste Notizen entstanden. Dann aber wendet sich Sigrid Damm erst wieder Goethe zu, ihrem Buch „Goethes Freunde in Gotha und Weimar“, das 2014 erscheint.
Als kluge Chronistin und Biografin der Weimarer Klassik hat sich die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Sigrid Damm einen Namen gemacht und das vor allem, weil sie uns das Umfeld der großen Dichter nahebrachte. So schrieb sie nicht nur über Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang von Goethe, sondern über Goethes Schwester Cornelia, über dessen Ehefrau Christiane und eben auch über die Freunde.

Sigrid Damm ist 1940 in Gotha geboren worden, wuchs heran in dem großen Jugendstil-Haus, dem Elternhaus ihres Vaters, mit dem sie ein Leben lang in Widerstreit gelegen hat. Erst in den letzten Jahres seines Lebens haben sie sich versöhnt. „Die Versöhnung war für uns beide heilsam. Ich entschuldigte mich für meine penetrante politische Rechthaberei und Besserwisserei als junges Mädchen, sagte, erst jetzt ahne, wisse ich, wie sehr ihn das verletzt und gekränkt haben müsse... Es war ein glücklicher Moment, in dem wir stumm nebeneinander saßen, lange schwiegen und ich schließlich meinen Vater wortlos und schüchtern umarmte.«

Sigrid Damm hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, dem Lebensweg des Vaters nachgespürt, Papiere und Fotos befragt – das Foto vom Cover zeigt den Vater bei einer sog. Eliterundfahrt durch die Hauptstadt im offenen Autobus mit Fototermin vor dem Brandenburger Tor. Der Vater lächelt.
Sigrid Damm erinnert sich an die Einflüsse, die ihre Kindheit prägten. Der ständige Streit der Eltern, die sich immer wiederholenden Sätze des Großvaters, der als Kind ihr Idol war. Er sagte über den Vater: "Er taugt nichts, taugt nichts, taugt nichts..." Der Vater war dem Osten, der DDR, nicht verbunden, er hatte sich ein anderes Leben für sich und seine Familie im Westen vorgestellt.
Sigrid Damms beharrliche Spurensuche gibt Antworten auf Fragen, die sie dem Vater nie gestellt hat, nie stellen wollte. 1903 ist der Vater in Gotha geboren, 1993 dort gestorben. Er wurde Zeuge von Kaiserreich, Weimarer Republik, Naziherrschaft, DDR-Regime und Bundesrepublik. Die Tochter recherchiert sein Leben mit allem, was noch belegt werden kann. Ob Konfirmationsspruch, in den Jahren vor der Heirat Reisen mit einem Freund nach Locarno und an den Chiemsee, seine Arbeit in dem jüdisches Bankhaus Goldschmidt, von seinem beruflichen Aufstieg dort. Von 1934 findet sich eine Maßregelung des Kreisleiters der Deutschen Arbeitsfront: Der Vater hatte einen Kondolenzbesuch in einem jüdischen Haus abgestattet, als die Mutter seines früheren Arbeitgebers verstorben war. Der Kreisleiter schrieb: „ ... ich erblicke in dieser Handlung ein Zeichen dafür, dass Sie die neue Zeit scheinbar noch nicht verstanden haben und demnach Ihre Bindung zu dem Judentum, welches wir nach wie vor bekämpfen, noch nicht gelöst haben... wir werden nur solche Kameraden in unserer Volksgemeinschaft dulden, die sich vorbehaltlos hinter unseren Führer Adolf Hitler stellen!“

Je mehr sich der Kreis schließt, je mehr Informationen und Vorstellungen das Leben des Vaters erhellen, je öfter Sigrid Damm in ihrer Heimatstadt recherchiert, sich an die Spaziergänge mit dem Vater erinnert, die Geschichte, die Architektur, die Landschaft neu erlebt, desto mehr verändert sich auch das Verhältnis Sigrid Damms zu „ihrer“ Stadt Gotha. Heute ist sie Ehrenbürgerin von Gotha. Die Premierenlesung zu „Im Kreis treibt die Zeit“ fand in der dortigen Bibliothek statt. Zu einer berührenden Vater-Tochter- Geschichte gibt es also noch eine kulturell-reiche Stadt-Geschichte zu entdecken. Sigrid Damm hat sie kunstvoll und wie selbstverständlich in ihre Familiengeschichte integriert.

 

Fuminori Nakamura: Die Maske, Diogenes

Nakamura führt uns in eine verstörende Welt, es ist als öffne er ein Fenster zur Hölle, und obwohl es einen gruselt, wird man es 347 Seiten lang nicht mehr schließen, so sehr hält einen das Grauen gefangen und auch das Mitleiden mit Fumihiro, der Titelfigur. Hat er noch eine Chance, seinem Schicksal zu entrinnen?  
Wahre Hoffnung sei nur in der tiefsten Finsternis zu finden, hat der japanische Autor in einem Interview gesagt. Bevor Nakamura Schriftsteller wurde, hat er in Fukushima studiert und seine Abschlussarbeit über die "Psychologie des Kriminellen" verfasst.

Die “tiefste Finsternis“ erreicht den kleinen Fumihiro mit elf Jahren. Sein Vater Shozo Kuki ruft ihn in sein Arbeitszimmer und erklärt ihm, was Familie und Tradition ihm auferlegt haben. Er soll ein „Geschwür“ werden, das Böse in die Welt bringen, Menschen, die er liebt ins Unglück stürzen. Der Brauch, dass das Familienoberhaupt nach Abschluss eines Lebenszyklus, der in Japan sechzig Jahre andauert, noch einen Nachkommen in die Welt setzt, der das Übel fortsetzt, existiert seit Generationen in der reichen und mächtigen Familie Kuki. Zitat: "Mit 'Geschwür' meine ich etwas, das die Welt ins Unglück stürzt. Jeder soll sich wünschen, niemals in diese Welt hineingeboren worden zu sein, oder zumindest denken, dass es hier nichts Gutes mehr gibt."

Der Vater wird den Jungen für die Hölle vorbereiten. Zu seinem perfiden Plan gehört das Waisenmädchen Kaori, das er ins Haus holt. Die beiden gleichaltrigen Heranwachsenden werden sich nahe kommen, Fumihori wird sich in das Mädchen verlieben. Sein Vater missbraucht Kaori, damit der Hass des Sohnes auf den Vater wächst wie „ein Geschwür“ . Mordgedanken kommen auf, vor allem, als der Vater ankündigt, er werde dem Sohn die Hölle zeigen, sobald er sein 14. Lebensjahr erreicht habe. Es kann dabei nur um Kaori gehen. Zitat: „Mein Puls raste, meine Arme und Schläfen waren taub, meine Beine wie Gummi. Aber ich musste etwas tun. Meinen Vater töten. Wie, wusste ich nicht, aber ich musste ihn töten, sofort. Mit jäh aufloderndem, abgrundtiefem Hass stieß ich die Tür auf“... Fumihori tötet den Vater, indem er ihn in einem Kellerverlies seinem Schicksal überlässt. 

Seitdem ist Fumihori in seinem Grauen gefangen, von Schuldgefühlen geschüttelt, und mit der Tatsache konfrontiert, dass er sogar äußerlich seinem Vater immer ähnlicher wird. Er hadert zutiefst mit seinem Schicksal, ist verunsichert, will ein neues Leben. Er lässt sich das Gesicht operieren, schlüpft in die „Maske“ eines Fremden, lebt eine neue Identität – und tötet ein zweites Mal. Um Kaori zu schützen. Das ist das einzige Ziel, das seinem Leben noch Sinn gibt. 
Umgeben von unmenschlichem Geschehen, dubiosen Typen und dem Zugriff seines ältesten Bruders – der das Vermögen der Familie mehrt, indem er Kriege als „das beste aller Geschäftsmodelle“ nutzt, gelingt es Fumihori, an Zukunft zu denken. An Überleben, an Freiheit. Er will sein bisheriges Leben verlassen. Als er Tokio hinter sich lässt, sitzt neben ihm im Flieger Kyoko. Er wird ihr jetzt seine Lebensgeschichte erzählen. „Das Flugzeug durchbrach die Wolkendecken– gebündelte Lebenslinien, die wie ein Pfeil ins Ungewisse flogen. Über den Wolken empfing uns blauer Himmel und Sonnenschein.... Gleißendes Licht flutete durch das Fenster, glitzerte in Kyokos Augen, und ich hatte das Gefühl, als würden die Funken dieses winzigen Feuerwerks sich auch in mir entzünden. Ein Moment, den ich für immer im Herzen bewahren wollte.“ 
Nakamara wird mit seinem sprachmächtigen Stil als Meister der Literatur gefeiert. Ein Zitat aus der Zeitung „Die Welt“: „Nakamura ist Hochliteratur. Das nächste große Literaturding nach Haruki Murakami. Ein Wunderkind.“ 
„Die Maske“ zeichnet aber nicht nur den Leidensweg Fumihiros auf, es liest sich stellenweise auch wie ein kritisches gesellschaftliches Porträt des modernen Japan. Zitat: "Jedes Jahr sterben in Japan mehr Menschen durch Selbstmord als im Irak durch Krieg und Terror. Diese Länder sind ständig in den Schlagzeilen, aber ich finde, unsere eigene Gesellschaft ist ganz schön brutal."

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt

Kehlmanns neuer historischer Roman mit vielen anrührenden, bewegenden und eindringlichen Szenen, sprachmächtig auf wunderbare Weise, ist eine ständige Bewegung zwischen Leben und Tod quer über Schlachtfelder, niedergebrannte Städte, durch entvölkerte Landstriche.
Kehlmann hat seine tragende Figur, den norddeutschen Spaßmacher, Schelm und Tänzer Tyll Ulenspiegel (geboren um 1300 bei Braunschweig, gestorben 1350 in Mölln) in eine andere Zeit versetzt: in die chaotische Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) .
"Es gibt keine Gefahr, der man nicht entkommen kann, wenn man schnelle Beine hat" – das wird Tylls (Über)lebensmotto. Und so macht sich Tyll auch schleunigst davon, als sein heilkundiger Vater unter der Folter gesteht, ein Hexer zu sein. Der Müller wird hingerichtet, und Tyll schließt sich mit Freundin Nele, der Tochter eines Bäckers, einem Gaukler an. Der lehrt die beiden, als Vogelfreie über die Runden und durchs Leben zu kommen.
Kehlmanns Tyll ist Seiltänzer, Jongleur, Bauchredner, Possenreißer, Schauspieler und Schausteller, Musikant und Balladensänger, ein anarchischer Provokateur und weiser Hofnarr. Vor dem Hintergrund kriegszerstörter deutscher Landschaften, die durchirrt werden von brandschatzender Soldateska, verrohten Heerhaufen und entwurzelten Flüchtlingen, erwächst dieser Titelheld zur exemplarischen Gestalt einer wüsten Epoche – zum klugen, bisweilen ruchlosen Überlebenskünstler. Kehlmann sagt im Interview: „Tyll fehlt eine menschliche Dimension. Er ist wie ein Dämon. Man kann sogar vermuten, dass er unsterblich ist, er kommt in meinem Buch in Situationen, die man eigentlich nicht überleben kann. Und dann überlebt er. Ich weiß auch nicht, wie. Er passt gut in den Wahnsinn des Dreißigjährigen Krieges. Er ist zwar keiner, der selbst Krieg führt, aber er selbst verkörpert ihn“.
Schon im ersten Kapitel manipuliert Tyll, stiftet Unruhe, provoziert. Er fordert die Menschen auf, ihre Schuhe weg zuwerfen Und dann beschimpft er sie: „Ihr Narren, ihr Staubköpfe, Ihr Frösche , Ihr Nichtsnutze, Ihr Maulwürfe, ihr blöden Ratten Jetzt holt sie euch wieder“. Es kommt zu Geschiebe, Geschimpfe, und dann bricht in der Menschenmenge eine Wut aus wie ein Fieber. Wo man hinsieht, wird gestoßen, geschrien, geschlagen...
Als Hofnarr begleitet Tyll Friedrich von Böhmen, der nach dem Prager Fenstersturz mit der Reichsacht belegt ist, ins Feldlager des schwedischen Königs Gustav Adolf. Der unglückliche Friedrich sucht einen Verbündeten. Wenn er schon die böhmische Krone verloren hat, will er wenigstens seine Kurfürstenwürde zurück. Die Pfalz ist sein Erbland. Auf dem Rückweg in sein ärmliches Exil stirbt Friedrich.
Auch beim letzten großen Auftritt Elisabeths, Friedrichs Frau, bei den Gesandten, die in Osnabrück um den „ Westfälischen Frieden“ ringen, ist Tyll dabei. Elisabeth, die als letztverbliebenes wertvolles Stück ihren Königshermelin trägt, bietet Tyll an, ihn mit nach England zu nehmen. „Ich gebe dir ein warmes Zimmer, und Hunger sollst du auch nicht leiden.“ Tylls Antwort: „Willst mir Gnadenbrot geben, kleine Liz? Eine tägliche Suppe und eine dicke Decke und warme Pantoffeln, bis ich friedlich sterbe?“
„So schlecht ist das nicht“.
„Aber, weißt du, was besser ist? Noch besser als friedlich sterben?
„Sag es mir“.
„Nicht sterben, kleine Liz. Das ist viel besser.“...

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber

„Ich verbrachte meine Zeit damit, die Welt zu beobachten. An den Nachmittagen ging ich in den Wald und schaute zu, wie die Blätter sich bewegten, wenn der Wind sie berührte. Manchmal saß ich neben meinem Vater an der Werkbank und beobachtete, wie er Eichenholz drechselte und roch den Duft frischer Späne. Ich umarmte meine Mutter, wenn sie Marmelade aus weißen Johannisbeeren kochte und horchte an ihrem Rücken, wenn sie hustete“...
Hans ist 15, als der Vater bei einer Autofahrt zu Tode kommt, ein halbes Jahr später stirbt die Mutter. Der Junge wünscht sich, dass er aufwachen möge aus diesemAlbtraum. Aber nichts geschieht. „Mich füllte eine Dunkelheit, die so stark war, dass ich mich wundere, wie ich sie überlebte.“ Tante Alex, die Halbschwester seiner Mutter, eine Expertin für europäische Kunst aus dem 18. Jahrhundert, Professorin in Cambridge, schickt Hans ins Internat. Der Kontakt ist eher zäh und ohne Emotion. „Alex hatte mich nie in den Arm genommen, auch nicht bei der Beerdigung.... Sie war eine Tante, die mir das Gefühl gab, der einsamste Mensch der Welt sein“.
Dann kommt ein Brief mit einer Einladung nach Cambridge. „Es gibt eine Angelegenheit, bei der du mir vielleicht helfen kannst,“ schreibt die Tante. Alex möchte, dass Hans in Cambridge studiert und dass er Mitglied in einem Club wird, dem Pitt Club. „Dein Auftrag ist es, herauszufinden, was die Boxer der Universität dort machen. Du boxt doch noch, oder...?
So geschieht es. Und schon bald steht Hans an der Bar des legendären Clubs, umgeben von Chesterfield-Sesseln und Kronleuchtern, trinkt Wodka mit Limonade, lernt die durchtrainierten jungen Männer, Club-Mitglieder im hellblauen Blazer, näher kennen – und erfüllt schließlich seinen Auftrag.
Ein starkes, faszinierendes Debüt des früheren Spiegel-Reporters Takis Würger. Seine Figur Hans ist der Undercover-Mann, der in einem hermetisch abgeschlossenen Kreis den verbrecherischen Machenschaften elitärer Snobs auf die Spur kommt. Das Thema ist von schmerzhafter Aktualität, und es betrifft seine Tante und auch seine neue Freundin Charlotte.
Eine berührende Liebesgeschichte und zugleich das Eindringen und Zurschaustellen einer brutalen, menschenverachtenden Welt hinter prächtiger Kulisse – diese Kombination schafft Spannung. Und die sanfte, oft zarte Tonlage des Buches bildet den scharfen Kontrast zum Thema, um das es hier geht. Es geht um Rache. Die Opfer wollen die Taten gerächt sehen. Muss man deshalb manchmal das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen? Eine Frage, für die Hans im entscheidenden Moment allein die Antwort finden muss.

Sabrina Janesch: Die goldene Stadt, Rowohlt

Der Artikel vom 17. Mai 2010 in der Süddeutschen Zeitung hatte Aufsehen erregt.
„Hat ein Deutscher Machu Picchu entdeckt?“, lautete der Titel. Und weiter: „Historiker aus den USA und Peru gehen davon aus, dass die historische Stätte der Inkas bereits 1867 von einem deutschen Unternehmer entdeckt wurde...“
Allerdings, für die in diesem Jahr mit dem Annette-Droste-von-Hülshoff-Preis *ausgezeichnete Autorin Sabrina Janesch war diese Meldung lediglich der „finale Anstoß“, wie sie im Interview sagt. Janesch hat eine unglaubliche, wunderbare Geschichte geschrieben, einen Abenteuerroman über den vergessenen Entdecker Augusto R. Berns, der den Leser 543 Seiten lang in einen Rausch versetzt. Die Autorin beeindruckt mit einem so lebendigen, historisch fundierten Erzählstil, dass der große Sten Nadolny über „Die goldene Stadt“ euphorisch urteilte: „Makellos geschrieben, fesselnde Figuren, Reichtum, wohin man sieht – plastisch, farbig und unvergesslich.“
„Als ich die Nachricht in der SZ las,“ berichtet Sabrina Janesch, war ich bereits mehrfach in Südamerika gewesen, zweimal in Peru, und hegte längst eine Liebe für dieses Land und seine Kultur.  Ich hatte mehrere Bücher von Hiram Bingham gelesen, kannte also die bis dato erforschte Geschichte Machu Picchus. In gewisser Weise fiel also die Nachricht über den mysteriösen Deutschen A. R. Berns auf fruchtbaren, bereiteten Boden. Ich wollte seine Geschichte lesen. Es gab sie nicht; also schrieb ich sie. Diese Geschichte verkörpert meine ganz persönliche Wahrheit über diesen erstaunlichen Menschen, der sich wirklich etwas getraut hat, der den
Ausbruch aus dem gewöhnlichen Leben tatsächlich gewagt hat.“ Dabei entsprechen
Jahreszahlen, Aufenthaltsorte, Tätigkeiten, Partner, die Eckdaten des A. R. Berns der historischen Wahrheit. „All das aber, was Berns als Menschen, als Charakter ausgemacht hat, seine Visionen, seine Obsession, seine unermüdliche Energie, das entstammt meiner eigenen Fantasie. Seine Nöte, Probleme, Gedankengänge habe ich ihm eingeschrieben. Somit sind sie höchst unhistorisch.“
Alles beginnt mit einem kleinen Jungen, Rudolph August Berns, der sich schon früh seine eigenen Welten erträumt, erst am Rhein, wo die Familie in Uerdingen eine Weinhandlung betreibt, später in Berlin, wo der Junge ein glühender Verehrer Alexander von Humboldts wird. Damals schon ist er davon besessen: Er, Berns, will die „goldene Stadt des Inkas“ entdecken. Kaum volljährig, wagt er die Überfahrt. Es folgen harte Jahre: beim peruanischen Militär, beim Bau der Eisenbahn, damals der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt. 1872 reist Berns zwei Jahre lang mit dem Abenteurer und Mineralogen Harry S. Singer durch die Cordillera Vilcabamba, sie schlagen sich durch tiefsten Dschungel, queren reißende Flüsse und die Höhen der Anden. „Wie willst du die verlorene Stadt der Inka eigentlich erkennen“? , fragt Harry ihn. Berns antwortet: „Ich werde sie erkennen. El Dorado wurde von Leuten wie mir erbaut. Deshalb werden Leute wie ich es finden.“ Und so geschieht es: 1876 entdeckt Augusto R. Berns die Ruinenstadt Machu Picchu, die sich oberhalb seines Landsitzes, der Hacienda Torontoy, befindet. Ein Ort, der phantastischer ist als alles, was er sich je vorgestellt hat. „ Berns stützte sich an einer Mauer ab und atmete tief ein... Von jetzt an sind wir eins, ich und diese Stadt, ich und meine Entdeckung. Jeden einzelnen der Granitblöcke wollte er betasten; wollte sehen und verstehen... Diese Stadt gehört mir, mit all ihrer Geschichte und ihrem Gold. Jeder Stein und jede Nische erfüllten ihn mit Begeisterung und Liebe.“
Berns Ziel ist erreicht, doch bevor er 1887 eine Aktiengesellschaft gründen kann, die das Geld bringen soll, um die Ruine zu erschließen und ihre Reichtümer zu bergen, gibt es weitere Hindernisse, Wechselfälle des Lebens. So lebt Berns in den USA, arbeitet als Ingenieur mit am Bau der Brooklyn Bridge und später unter Ferdinand de Lesseps am Bau des Panamakanals. Ein aufregendes Leben, ein Rausch, eine Besessenheit. Sabrina Janesch beendet ihr Vorwort zum Buch mit dem Satz: „ Es ist mir eine Ehre, Sie miteinander bekannt machen zu dürfen“. Danke! Diesen Augusto R. Berns wird man nicht mehr vergessen.

*Die Jury würdigte eine „engagierte, weltoffene Autorin, deren magischer Realismus Tradition und Moderne verbinde“.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht, Suhrkamp

Gerbrand Bakker gehört mit wunderbaren Büchern wie »Oben ist es still« , »Der Umweg« oder "Birnbäume blühen weiß“ zu den großen europäischen Erzählern. Sein neues Buch ist eine Art Tagebuch, eine chronologisch datierte Rekonstruktion von Tagesabläufen, Alltags-Geschehnissen, Eindrücken und Gedanken in Gegenwart und Vergangenheit. Im Mittelpunkt: ein erfolgreicher niederländischer Romanautor, der ein altes Haus von 1739 in der Eifel kauft und dort mit seinem Hund Jasper lebt. Der Hund ist von ähnlich schwierigem Charakter wie sein Herr, der sich als »von Natur aus depressiv« beschreibt.
Gerbrand Bakker verknüpft seine Aufzeichnungen mit den Erinnerungen an früher, an Opa Bakker und den Bauernhof der Eltern, den verunglückten kleinen Bruder, berufliche Wege und Irrwege, er erlaubt uns einen Blick ins eigene innere Erleben – und gibt in diesem sehr besonderen Buch sehr viel preis von sich, ist von großer Aufrichtigkeit.
Bakker, geboren 1962 im Westfriesischen, hatte es nicht leicht mit sich. »Unverträglich«, wie in Zeugnissen stand. Ein Sorgenkind, Einzelgänger, kein heiteres Gemüt, abwehrbereit, nicht geschaffen für Verbindlichkeit und bürgerliche Konvention; jemand, für den eine »ausführliche Gebrauchsanweisung« nötig sei; indes ein Mensch der Freundschaften. »Immer ist was mit dem Kind«, hieß es früher über Gerbrand. »Immer ist was mit dem Hund«, erlebt sein treuer »Knecht«, der Schriftsteller. Doch die Botschaft des Buches ist positiv: Auch aus einem beschädigten Leben lässt sich Lebensmut schöpfen.

 

 

Travis Elborough: Atlas der ungewöhnlichsten Orte, Brandstätter

Eine Reise zu verwunschenen Plätzen, verlassenen Inseln und geheimnisvollen Labyrinthen – so lautet die Unterzeile zu diesem Buch, das der Brandstätter Verlag als „Geschenkbuch für Reisende, die schon alles zu kennen glauben“ herausgegeben hat. Es ist ein Buch für Entdecker-Naturen, geschrieben von Travis Elborough, Kulturjournalist und Weltreisender mit Blick für das Ungewöhnliche, und es ist ein Atlas des Staunens mit sieben spannenden Kapiteln die „Schaurige Orte“ oder auch „Gebaute Kuriositäten“ heißen. 51 Orte hat Elborough hier versammelt, sie sind über die ganze Welt verstreut, von Flevo Land in den Niederlanden bis Puerto Princesa auf den Philippinen. Dazu gibt es Skizzen, Fotos und Texte, die nicht nur in andere Welten versetzen sondern auch eine neue Weltsicht bescheren. Kein Wunder, dass die New York Times den „Atlas der ungewöhnlichsten Orte“ zu einem der besten Reisebücher der Saison gewählt hat.

Drei Beispiele:
Kennen Sie Schelesnogorsk, eine Stadt in Sibirien? Sicherlich nicht, denn dieser Ort war jahrzehntelang auf keiner Landkarte verzeichnet. Eine geheime Stadt, einst Zentrum der sowjetischen Plutoniumproduktion. Und noch heute muss man sich abmelden, wenn man die Stadt verlassen will...

Schon mal von Ani gehört, der einstigen Hauptstadt des Königreichs Armenien, in der um 1045 mehr als 100.000 Menschen lebten und die als Stadt der 1001 Kirchen gefeiert wurde. Heute ist Ani ( türkisches militärisches Niemandsland, das man bis vor kurzem nur mit Genehmigung aufsuchen durfte) ein Bild des Verfalls, nur Ruinen sind noch zu sehen, Teile von Torbögen, Zitadellen, Kirchen, Moscheen, Kuppeln und Türme... Doch immer noch zeugen die bröckelnden Mauern davon, dass hier in über eintausend Jahren armenische Geschichte geschrieben wurde. Ani ist bei der UNESCO als Weltkulturerbe vorgeschlagen.

Und wer kennt schon den unterirdischen Fluss im Puerto-Princesa Nationalpark auf den Philippinen? Der Subterranean River, acht Kilometer lang, fließt unter einem Bergrücken und durch eine Höhle direkt ins Südchinesische Meer. Einzelne Bereiche dieser Höhle sind 120 m breit und 60 Meter hoch – mit beeindruckenden Felsformationen und bizarren Tropfsteinen. Beim Durchfahren soll man das Gefühl haben, sich durch ein Drachenmaul zu bewegen...
„Eine fantastische Reise zu Orten, die unseren kühnsten Träumen entsprungen sein könnten“, verheißt der Klappentext. Das ist nicht zuviel versprochen.

Roman von Roland Schimmelpfennig, S. Fischer

Noch ein Dramatiker ist mit seinem Buch auf die Nominierungsliste für den Leipziger Buchpreis 2016 gekommen: Roland Schimmelpfennig, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatiker Deutschlands mit dem Titel: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Ein Wolf überquert an einem klaren, eiskalten Januarmorgen die Grenze zwischen Polen und Deutschland. 80 Kilometer vor Berlin wird er in einem Stau an einem Unfallort auf der Autobahn im Blaulicht der Polizeiautos gesichtet. Der polnische LKW-Fahrer Tomaz fotografiert ihn, und tags darauf ist das Wolfs-Foto deutschlandweit in den Zeitungen.
Immer wieder kreuzt der Wolf die Wege der sehr unterschiedlichen Romanfiguren in diesem Erzählreigen. Die Frage, woher er kommt und wo er zu finden ist, führt die Menschen gedanklich zusammen, ansonsten verbindet sie nichts. Es sind lose miteinander verwobene Miniaturen, Kapitel wie scharfe Schwarz-Weiß-Schnitte, in denen die Lebensfragen inmitten eines eiskalten und betongrauen Berliner Winters gestellt werden: Was mache ich da eigentlich? Und wozu? Wie geht es weiter mit mir, und was soll dieses Leben? In der Kritik von Spiegel online heißt es: Schimmelpfennigs minimalistische Lakonie schmerzt. Es ist eine gehäutete Sprache, die nichts mehr außer der bloßen Existenz preisgibt. Kalt und verloren. Sätze legen sich wie Eiskristalle auf die Haut. "Sie wartete auf den Schulbus. Sie war sechzehn. Ihre Mutter hatte sie am Abend vorher zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen..." Die völlige Neutralität des Erzählers gegenüber dem Schicksal dieses Mädchens gleicht einem kaum auszuhaltenden Gefrierzustand. Ein mächtiger Text voller Wucht und Gegenwärtigkeit, der ins Mark der spätmodernen Gesellschaft trifft“.