Anna Katharina Hahn: Aus und davon, Suhrkamp

„Mit dem Reisestudio Geiger hatten sich Elisabeth und Hinz ihren Traum vom eigenen Geschäft erfüllt, mit dem Haus am Alosenweg und den beiden Töchtern ihre Vorstellung von Heim und Herd...“ Jahrzehnte später – Elisabeth ist inzwischen eine arthrosegepagte Seniorin – platzt der Lebenstraum. Der Ehemann ist Elisabeth nach einem Schlaganfall in der Reha abhanden gekommen. Er hat eine lebensfrohe Annemarie kennen gelernt, mit der er fortan leben will. Nicht länger mit ihr, dem „sauren Essigweib“, wie sie sich selber empfindet. Die Kindheit im pietistisch-frommen Elternhaus und die unerbittlichen Mahnungen zweier „gelbgesichtiger“ Diakonissen haben Elisabeth geprägt, begleiten sie schon ein Leben lang. Kein Wunder, dass sie für sinnliche Freuden und spontanen Glücks-Genuß kaum mehr empfänglich ist. Zu Sabine, der älteren Tochter, hat sie ein distanziertes Verhältnis, Cornelia, die Jüngere, ist seit Geburt an ihr Liebling.
Nun steckt auch Cornelia in einer Krise und hat eine Auszeit genommen. Elisabeth ist eingesprungen, um den chaotischen Haushalt der alleinerziehenden Mutter und die Versorgung und Fürsorge für ihre Enkel Stella und Bruno zu übernehmen. Soviel zur aktuellen Situation, einem Ausnahmezustand.
Anna Katharina Hahn („Das Kleid meiner Mutter“) hat ihren Familienroman breit angelegt, sie erzählt auch von der Generation davor, von Elisabeths Mutter Gertrud, die während der Weltwirtschaftskrise als Haushaltshilfe von Stuttgart in die USA geschickt wird, dort ihren pietistischen Ehemann kennen lernt und mit ihm in die Heimat zurück kehrt. Aus dem „Davor“ erfahren wir, warum die Figuren der Jetztzeit so geworden sind, wie sie sind. Die unterschiedlichen Erzählstränge, Perspektivwechsel, die auf die Erzähl-Figur jeweils abgestimmte tonality ergeben ein facettenreiches, spannendes Familienmosaik: emphatisch dargestellt, scharf beobachtet, psychologisch eingeordnet. Wechselnde Orte kommen hinzu. Denn die erschöpfte Tochter Cornelia ist in die USA gereist, schaut sich New York an und geht dann auf Spurensuche nach Pennsylvania, wo Großmutter Gertrud einst strandete.
Elisabeth erzählt ihrem Enkel Bruno derweil in Stuttgart von der Puppe Linsenmaier, einziger Trost des Mädchens Gertrud in der Fremde. Denn der oft so ruppige Bruno braucht dringend ebenfalls Trost. Der stark übergewichtige Junge wird in der Schule gehänselt. Er streikt, schwänzt die Schule, kommt eines Tages nicht nach Hause. Elisabeth gerät in Panik. Sie fühlt sich überfordert und sie schämt sich so, weil ihr Hinz sie verlassen hat. Zudem fühlt sie sich in der Wohnung der Tochter nicht wohl. Die ganze Gegend ist ihr suspekt. Zitat: „Die Ostendstraße als neue Adresse ihrer Tochter bedeutete für Elisabeth eine Ohrfeige, genau wie die Scheidung ihrer Tochter. Sie kannte Stuttgart-Ost lediglich vom Wegschauen, als bemitleidenswerte Arbeitergegend, durch die ihre Straßenbahn fuhr...“
Doch der Ausnahmezustand, den die Familie bewältigen muss, bringt auch neue Impulse, neue Energie, neue Einsichten. Am Ende haben sich alle ein bisschen verändert, sich neu gefunden. Mit mehr Verständnis füreinander. Cornelia kommt früher zurück aus ihrer Auszeit als geplant, Stella ringt noch mit ihrem ersten Liebeskummer, Bruno kümmert sich rührend um eine aufgelesene Katze und ihre Jungen, und er bittet Elisabeth „Bleibst du trotzdem noch ein bisschen bei uns“ und „ Eli-Omi, kannst du mir weiter vorlesen...“ Eli-Omi hat die Geschichte ihrer Mutter Gertrud und der Puppe Linsenmaier für ihren Enkel aufgeschrieben. So weiß man jetzt, wie es der armen Gertrud damals ergangen ist. Die Familien-Vergangenheit ist in der Gegenwart angekommen.

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus, Schöffling

„Das zerbrochene Haus“ hat eine kleine bescheidene Siedlung im Grunewald zu einem beispielhaften Ort gemacht: „Eichkamp“ wurde in diesem Buch zu einem Begriff für deutsches Kleinbürgertum, das Hitlers Aufstieg möglich machte und das Hitlers Herrschaft ängstlich ertrug“... schreibt der Schriftsteller Martin Mosebach in seinem Nachwort zu Horst Krügers Buch, das jetzt neu herausgegeben wurde und das den Untertitel „Eine Jugend in Deutschland“ trägt. Ein Geschenk zum 100. Geburtstag des Essayisten und Literaturkritikers (1919-1999). Veröffentlicht wurde „Das zerbrochene Haus“ 1966, aber schon lange war es vergriffen. „Eine herausragende Idee, dieses Buch neu herauszugeben“, schreibt die FAZ. Es sei heute längst vergessen, obwohl der Schriftsteller und Journalist zu den prägenden Stimmen der Bundesrepublik zählte und „diese Lebenserinnerungen zu den berührendsten Büchern gehört, die das Genre zu bieten hat.“

Wer die 215 Seiten für sich neu entdeckt, wird sie wie ein Vermächtnis lesen, wie den Versuch, etwas zu begreifen, das kaum zu fassen ist. Die Berliner Siedlung „Eichkamp“ wurde nach dem 1. Weltkrieg im Berliner Westen gebaut, Doppel- und Reihenhäuser gegen die Wohnungsnot. Krüger lebte dort mit seinen Eltern und der Schwester Ursula. Der Vater ist Beamter im preußischen Kultusministerium, die Mutter Hausfrau und überzeugte Katholikin. „Meine Eltern waren auf jene rührende Weise unpolitisch wie damals fast alle Eichkamper... Es waren lauter brave Bürgerfamilien, ein wenig beschränkt und borniert, Kleinbürger mit den Schrecken des Krieges und den Ängsten der Inflation im Rücken. Nun wollte man Ruhe...“

Krüger ist 13 Jahre alt, als Hitler an die Macht kommt. „Ich bin ein typischer Sohn jener harmlosen Deutschen, die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können. Das eben ist es... Meine früheste Erinnerung an Hitler ist Jubel.“
Krüger beschreibt, was er vor Jahrzehnten zur Nazi-Zeit in Eichkamp erlebte. Über ein opulentes Familienfest, über den Freitod seiner Schwester, über seinen anarchistischen Freund Wanja, über seine Verhaftung („Mein Kopf war voll Plato, mein Gaumen ganz voll von Erbsenbrei, da höre ich meinen Vater plötzlich einen unterdrückten Schrei ausstoßen...“) und über den Prozesstag, an dem der Student der Philosophie wegen Hochverrats vor Gericht steht. Er hat Kurierdienste ausgeführt und Flugblätter verteilt, er ist da so „reingerutscht„ in die anarcho-linke Widerstandsgruppe seines Freundes Wanja. Aber er kommt noch einmal davon, weil er „aus so anständigem Hause ist“. 20 Jahre später wird er den Freund wieder sehen. In Ost-Berlin. Wanja ist Auslandskorrepondent beim „Neuen Deutschland.“ Im „zerbrochenen Haus“ wechselt die Erzählperspektive immer wieder, Krüger pendelt zwischen Vor- und Rückgriffen, berichtet mal aus der Wahrnehmung des Kindes und heranwachsenden Jugendlichen Horst Krüger, mal analysiert er mit dem Wissen und dem Rückblick des Erwachsenen.

Das Schlusskapitel des Buches schildert den 1. Auschwitz-Prozess im Frankfurter Römer (1963-1965) unter der Leitung von Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer. „Ich fahre zum Auschwitz-Prozess, um diesen Mythos in mir aufzuklären.“ Und weiter: „Die Bestialitäten, die hier verhandelt wurden, konnten mich nicht von der Frage abhalten: Und du? Wie hättest du dich verhalten?...Gibt es geborene Mörder? Was hättest du schweigend hingenommen? Wie schuldig wärst du geworden? Es ging also, rückblickend um einen Selbtprüfungsprozeß, auch gegen mich.“ Erst danach, schreibt er weiter, „im Herbst 1964 schob sich langsam der eigene Erinnerungsstoff hoch.“ Zehn Jahre später fügt er noch ein Nachwort hinzu. Sein Schlüsselsatz ganz am Ende: „Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich. Das zerbrochene Haus enthält authentische Nachrichten aus einem Reich, das, schon versunken, niemals vergessen werden darf.“

Norbert Scheuer: Winterbienen, C. H. Beck

1944. Britische und amerikanische Bomber kreisen über Kall in der Eifel. Nur die Bienen fliegen friedlich in Norbert Scheuers neuem Roman. Hier der zerstörerische Krieg, da die schützende Natur, das sind die beiden Gegenpole. Stimmig und tiefsinnig verwebt Scheuer seine Hommage an das fleißige Bienenvolk mit der Geschichte eines zur Nazizeit gefährlich lebenden Bienenzüchters und bringt noch einen Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert ein – den Mönch Ambrosius, der eine spezielle Bienenart in die Eifel brachte. Die Eifel, das wissen wir aus Norbert Scheuers vorherigen Romanen, ist für den Schriftsteller der Mittelpunkt der Welt. Und dass er der abgründigen Gesellschaft dieser Zeit eine ideale Parallelgesellschaft – die der Bienen – an die Seite stellt, belegt Zeitgeist und weist auf Zukunft. Ein Zitat über die Idealgesellschaft: „Bienen haben Jahrmillionen gebraucht, um sich in der jetzigen Weise zu organisieren. Alles im Bienenvolk scheint aufs Beste fürs Überleben und die Wohlfahrt des Volkes eingerichtet. Bereits Vergil liebte und schätzte die Bienen, er hielt sie für fleißig und künstlerisch begabt, da sie schöne Wabengebilde bauen. In ihrem Staatswesen sah er gar das Vorbild für das römische Imperium...“

Auch Egidius Arimond, die Hauptfigur im Roman, liebt und schätzt die Bienen. Er hat die Bienenzucht von seinem Vater übernommen, er umsorgt sie und weiß alles über Sommerbienen, Winterbienen, die Königin, die Drohnen und die neue Generation der Larven. Wir erleben ein Bienenjahr mit seinem ewigen Zyklus mit – und auch das, wozu Bienenstöcke sonst noch taugen. In den doppelten Böden der Bienenstöcke hat Egidius seine Tagebücher und etliche zur Nazizeit verbotene Bücher verborgen. .Der aus dem Schuldienst entlassene Latein- und Geschichtslehrer lebt auch sonst gefährlich. Er ist Epileptiker, er braucht seine Medikamente, er darf nicht auffallen, der Apotheker am Ort droht ständig mit Denunziation. Sein Bruder Alfons kämpft an der Ostfront, er kann ihn nicht mehr schützen. Das Geld für die Medikamente verdient Egidius als Fluchthelfer. Er hilft jüdischen Menschen, die sich über die nahe Grenze nach Belgien retten wollen. In präparierten Bienenkörben bringt er sie zu den verabredeten Treffpunkten. Die Organisation hinterlässt Nachrichten in der örtlichen Bibliothek, Egidius ist dort täglich, um in alten Schriften zu lesen. Und um Charlotte, die Ehefrau des Kreisleiters, zu treffen. Egidius liebt die Frauen und die Frauen ihn. Was aber nichts mit den Bienen zu tun hat...
Norbert Scheuer schaffte es mit den eindringlichen und wunderbaren „Winterbienen“ auf die short list des Deutschen Buchpreises.

Gusel Jachina: Wolgakinder, Aufbau


Jakob Bach, Schulmeister in dem kleinen Dorf Gnadental am Unterlauf der Wolga, hat seine letzte Pflicht erfüllt und am Abend die Schulglocke geläutet, er wärmt die kalten Füße in einer Schüssel mit einem Thymianbad, trinkt heißes Wasser und schlüpft mit einem Buch ins Bett. Ein uraltes Buch, in Pappe gebunden, eine Chronik der Übersiedlung deutscher Bauern nach Russland. Seit dem 18. Jahrhundert siedeln Deutsche am Unterlauf der Wolga. Gnadental ist ein deutsches Dorf. 

Der Schulmeister liebt dieses Buch. Immer wieder liest er nach, wie auf Einladung der Zarin Katharina die ersten Siedler per Schiff eintreffen: „Die Monarchin erschien persönlich am Kai, um ihre mutigen Landsleute willkommen zu heißen. ' Meine Kinder!' rief sie schallend und paradierte zu Pferde vor den durchgefrorenen Siedlern. 'Ihr neuen Söhne und Töchter Russlands! Freudig nehmen wir euch in unsere sichere Obhut...'“ Als Schulmeister Bach sich mit dieser historischen Begebenheit in den Schlaf liest, zählt man das Jahr 1916, Bachs Leben fließt ruhig dahin, „voller kleiner Freuden und geringfügiger Aufregungen“. Schulmeister Bach, der in seinem Dorf bis zu 70 Kinder unterrichtet, ist zufrieden. 

Alles ändert sich, als ein Brief eintrifft. Ein Mann mit Namen Udo Grimm bittet ihn um ein Gespräch. Grimm lebt auf der anderen Seite der Wolga. Einer Seite, die keiner aus Gnadental kennt. Dort erheben sich mächtige Berge, die senkrecht, wie mit einem Messer abgeschnitten, in den Fluss stürzen. Die Gnadentaler Seite ist flach und gelb: „Getreide - und Melonenfelder bis zum Horizont, farbenprächtig wie eine baschkirische Bettdecke. Am Ufer klebten die Dörfer...“ Dahinter beginnt die Steppe, der heiße, würzige Wind, der hier weht, riecht nach den Wüsten Turkmeniens und dem Salz des Kaspischen Meeres. 

Auf Bach wartet ein Abenteuer: er soll Klara, der 17jährigen Tochter des reichen Bauern Grimm, Lesen und Schreiben beibringen. Zur letzten Schulstunde hat der sanftmütige, geduldige Lehrer Goethe-Gedichte mit gebracht. Seine Schülerin Klara hat er bisher nicht gesehen, auf Wunsch des Vaters ist sie beim Unterricht durch einen Wandschirm verdeckt, aber Bach weiß längst, dass er einem Wesen begegnet ist, das noch scheuer und verletzlicher ist als er.  

Gusel Jachina, russische Autorin tatarischer Abstammung, hat die  
verzauberte, zärtliche Liebe zwischen Klara und Jakob Bach in den Mittelpunkt ihres Buches gestellt, die Geschichte der Wolgadeutschen, ihre Treue zur Tradition, ihre Vorrechte bis zur Stalin-Zeit und die folgenden dramatischen Jahre des Umbruchs und der politischen Umwälzungen sind an den Rand geschoben. Der Leser erfährt davon nur aus den Erlebnissen Bachs. Und der ist meist stiller Beobachter, dann aber plötzlich zutiefst Betroffener, als eine Horde Marodierender das Grimm'sche Gehöft überfällt. Bach kann Klara nicht schützen, sie stirbt Monate später bei der Geburt der kleinen Anna. Bach wird später noch einen „Sohn„ auf dem Hof großziehen: Wassja, einen verwahrlosten, rabiaten Jungen, dessen wacher Geist lange Zeit verborgen bleibt. Bach macht es sich zur Aufgabe, die beiden heranwachsenden Kinder auf das Leben in unruhigen Zeiten vorzubereiten. Er tut das mit anrührender Fürsorge. In allen schwierigen Lebenslagen hilft ihm sein Wissen und seine Kreativität. Im Tausch gegen Lebensmittel für Annchen hat er schon für die neue kommunistische Instanz im Dorf, Parteisekretär Hoffmann, phantastische Märchen aufgeschrieben. Hoffmann setzt auf Brauchtum, um die Menschen in Gnadental auf die neuen Zeiten einzustimmen. Bach liefert und erfährt, dass das, was er an dramatischen und wundersamen Geschichten aufgeschrieben hat, plötzlich Realität wird... Was hervorragend zum Handlungsmuster Gusel Jachinas passt und den Roman mit weiteren fantastischen Wendungen vorantreibt, er wächst wie ein stark farbiges, fein verästeltes Gebilde und verströmt eine besondere Magie. „Je weiter wir lesen, desto größer wird unser Staunen“, schreibt die russische Übersetzerin Jelena Kostjukowitsch in ihrem Nachwort. Genauso ist es, man ist schon nach ein paar Seiten (von 590) gefesselt, vom Thema, von Gusel Jachinas Figuren, vor allem ihrer Hauptfigur Jakob Bach und von ihrer eigenwillig kraftvollen Sprache, die lebendige, farbige Bilder zaubert und Dramatisches und Zärtliches feinsinnig auszudrücken vermag.

Alexander von Humboldt: Der Andere Kosmos, dtv

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angechaut haben“. Ein Zitat des großen Weltreisenden und Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859), dessen 250. Geburtstag am 14. September dieses Jahres gefeiert wird. Der Verlag dtv tut das mit einer Gesamtausgabe des publizistischen Werkes, die ab Mitte August in den Buchhandlungen sein wird.
Das „Vorläufer“- Buch „Der Andere Kosmos“ präsentiert eine Auswahl: 70 Texte, veröffentlicht in 70 Orten weltweit, Einblicke in 70 Jahre Forschung. Es ist ein Bild der Welt in vielen kleinen Schriften, Fragmenten und Facetten. Humboldt war eine Meister der kleinen Form, er hat tausende Briefe und Essays verfasst und in alle Welt verschickt. Und seine Interessen waren breit gefächert.
Und so lesen und staunen wir „Über die Chinawälder in Südamerika“ , 1808 in Mailand veröffentlicht: „ Der Zweck dieser Abhandlung ist den Fieberrindenbaum als einen Gegenstand der physikalischen Erdbeschreibung oder der Pflanzen-Geographie zu betrachten...“
Oder 1821, publiziert in einem Liverpooler Magazin „Hemden und Mützen auf den Bäumen“: „Wir sahen am Abhange der Ernea Duida (in Süd-Amerika) Hemdenbäume von 50 Fuß Höhe. Die Indianer schälen … die rothe faserige Rinde ab.“ Man erfährt: Diese Rinde dient als Hemd ohne Naht. Wie eine starke Sackleinwand, die besonders in der Regenzeit schützt. „Dazu passen die Mützen recht gut, welche die Blüthen einer gewissen Palmenart bilden und die grober Strickerei täuschend ähnlich sehen...“
Oder die Abhandlung von 1841 in „Der Hausfreund“ in Nördlingen erschienen, über „Das Kreuz des Südens“ : „Seit wir in die heiße Zone eingetreten waren, konnten wir jede Nacht die Schönheit des südlichen Himmels nicht genugsam bewundern, welcher in dem Maß, als wir nach Süden vorrückten, neue Sternbilder unseren Augen entfaltete...“
Oder wir lesen: 1831 im Louisville Daily Journal „Der Sklavenhandel“ ….“Bey diesen empörenden Berechnungen von Menschenconsum ist noch keine Rücksicht genommen auf die Zahl jener unglücklichen Sclaven, die während der Überfahrt zu Grunde gingen oder die als verdorbene Waare in die See geworfen wurden.“
Die Herausgeber von „Der andere Kosmos“, Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, präsentieren eine phantastische Sammlung: haben für jedes Jahr von Humboldts publizistischer Tätigkeit - von 1789 bis 1859 - ein Beispiel ausgewählt: 70 Texte, veröffentlicht weltweit an 70 verschiedenen Orten – von Havanna bis Hamburg, von Sydney bis San Salvador. Die meisten dieser Essays und Artikel waren in Vergessenheit geraten und kaum jemals wieder nachgedruckt worden.

Der letzte Beitrag ist vom 15. März 1859, ein paar Wochen vor Humboldts Tod. Der berühmte Mann schickte einen Hilferuf in die Welt: „Ruf um Hülfe.“ … „Leidend unter dem Drucke einer immer noch zunehmenden Correspondenz, fast im Jahresmittel zwischen 1600 und 2000 Nummern, Briefe, Druckschriften, Manuskripte... Anerbietungen mich häuslich zu pflegen, zu zerstreuen und zu erheitern..., bat er um Ruhe und Musse für die eigene Arbeit. Und schloss den Appell mit den Worten: „Möge dies nicht lieblos gemissdeutet werden!“
Der Weltreisende, dessen Gesamtwerk einen neuen Wissensstand von der Welt vermittelte , wurde weltweit gelesen. Und seinen internationalen Ruhm begründeten nicht nur seine Bücher und Reisebeschreibungen, sondern auch seine Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen. Beginnend 1798 mit einem Abdruck über einen giftigen Baum in Indien, den Bohon-Upas, endend mit dem zitierten „Ruf zur Hülfe“. Das publizistische Werk zu entdecken ist ein wunderbares Geburtstagsgeschenk!

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