Norbert Scheuer: Winterbienen, C. H. Beck

1944. Britische und amerikanische Bomber kreisen über Kall in der Eifel. Nur die Bienen fliegen friedlich in Norbert Scheuers neuem Roman. Hier der zerstörerische Krieg, da die schützende Natur, das sind die beiden Gegenpole. Stimmig und tiefsinnig verwebt Scheuer seine Hommage an das fleißige Bienenvolk mit der Geschichte eines zur Nazizeit gefährlich lebenden Bienenzüchters und bringt noch einen Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert ein – den Mönch Ambrosius, der eine spezielle Bienenart in die Eifel brachte. Die Eifel, das wissen wir aus Norbert Scheuers vorherigen Romanen, ist für den Schriftsteller der Mittelpunkt der Welt. Und dass er der abgründigen Gesellschaft dieser Zeit eine ideale Parallelgesellschaft – die der Bienen – an die Seite stellt, belegt Zeitgeist und weist auf Zukunft. Ein Zitat über die Idealgesellschaft: „Bienen haben Jahrmillionen gebraucht, um sich in der jetzigen Weise zu organisieren. Alles im Bienenvolk scheint aufs Beste fürs Überleben und die Wohlfahrt des Volkes eingerichtet. Bereits Vergil liebte und schätzte die Bienen, er hielt sie für fleißig und künstlerisch begabt, da sie schöne Wabengebilde bauen. In ihrem Staatswesen sah er gar das Vorbild für das römische Imperium...“

Auch Egidius Arimond, die Hauptfigur im Roman, liebt und schätzt die Bienen. Er hat die Bienenzucht von seinem Vater übernommen, er umsorgt sie und weiß alles über Sommerbienen, Winterbienen, die Königin, die Drohnen und die neue Generation der Larven. Wir erleben ein Bienenjahr mit seinem ewigen Zyklus mit – und auch das, wozu Bienenstöcke sonst noch taugen. In den doppelten Böden der Bienenstöcke hat Egidius seine Tagebücher und etliche zur Nazizeit verbotene Bücher verborgen. .Der aus dem Schuldienst entlassene Latein- und Geschichtslehrer lebt auch sonst gefährlich. Er ist Epileptiker, er braucht seine Medikamente, er darf nicht auffallen, der Apotheker am Ort droht ständig mit Denunziation. Sein Bruder Alfons kämpft an der Ostfront, er kann ihn nicht mehr schützen. Das Geld für die Medikamente verdient Egidius als Fluchthelfer. Er hilft jüdischen Menschen, die sich über die nahe Grenze nach Belgien retten wollen. In präparierten Bienenkörben bringt er sie zu den verabredeten Treffpunkten. Die Organisation hinterlässt Nachrichten in der örtlichen Bibliothek, Egidius ist dort täglich, um in alten Schriften zu lesen. Und um Charlotte, die Ehefrau des Kreisleiters, zu treffen. Egidius liebt die Frauen und die Frauen ihn. Was aber nichts mit den Bienen zu tun hat...
Norbert Scheuer schaffte es mit den eindringlichen und wunderbaren „Winterbienen“ auf die short list des Deutschen Buchpreises.

Gusel Jachina: Wolgakinder, Aufbau


Jakob Bach, Schulmeister in dem kleinen Dorf Gnadental am Unterlauf der Wolga, hat seine letzte Pflicht erfüllt und am Abend die Schulglocke geläutet, er wärmt die kalten Füße in einer Schüssel mit einem Thymianbad, trinkt heißes Wasser und schlüpft mit einem Buch ins Bett. Ein uraltes Buch, in Pappe gebunden, eine Chronik der Übersiedlung deutscher Bauern nach Russland. Seit dem 18. Jahrhundert siedeln Deutsche am Unterlauf der Wolga. Gnadental ist ein deutsches Dorf. 

Der Schulmeister liebt dieses Buch. Immer wieder liest er nach, wie auf Einladung der Zarin Katharina die ersten Siedler per Schiff eintreffen: „Die Monarchin erschien persönlich am Kai, um ihre mutigen Landsleute willkommen zu heißen. ' Meine Kinder!' rief sie schallend und paradierte zu Pferde vor den durchgefrorenen Siedlern. 'Ihr neuen Söhne und Töchter Russlands! Freudig nehmen wir euch in unsere sichere Obhut...'“ Als Schulmeister Bach sich mit dieser historischen Begebenheit in den Schlaf liest, zählt man das Jahr 1916, Bachs Leben fließt ruhig dahin, „voller kleiner Freuden und geringfügiger Aufregungen“. Schulmeister Bach, der in seinem Dorf bis zu 70 Kinder unterrichtet, ist zufrieden. 

Alles ändert sich, als ein Brief eintrifft. Ein Mann mit Namen Udo Grimm bittet ihn um ein Gespräch. Grimm lebt auf der anderen Seite der Wolga. Einer Seite, die keiner aus Gnadental kennt. Dort erheben sich mächtige Berge, die senkrecht, wie mit einem Messer abgeschnitten, in den Fluss stürzen. Die Gnadentaler Seite ist flach und gelb: „Getreide - und Melonenfelder bis zum Horizont, farbenprächtig wie eine baschkirische Bettdecke. Am Ufer klebten die Dörfer...“ Dahinter beginnt die Steppe, der heiße, würzige Wind, der hier weht, riecht nach den Wüsten Turkmeniens und dem Salz des Kaspischen Meeres. 

Auf Bach wartet ein Abenteuer: er soll Klara, der 17jährigen Tochter des reichen Bauern Grimm, Lesen und Schreiben beibringen. Zur letzten Schulstunde hat der sanftmütige, geduldige Lehrer Goethe-Gedichte mit gebracht. Seine Schülerin Klara hat er bisher nicht gesehen, auf Wunsch des Vaters ist sie beim Unterricht durch einen Wandschirm verdeckt, aber Bach weiß längst, dass er einem Wesen begegnet ist, das noch scheuer und verletzlicher ist als er.  

Gusel Jachina, russische Autorin tatarischer Abstammung, hat die  
verzauberte, zärtliche Liebe zwischen Klara und Jakob Bach in den Mittelpunkt ihres Buches gestellt, die Geschichte der Wolgadeutschen, ihre Treue zur Tradition, ihre Vorrechte bis zur Stalin-Zeit und die folgenden dramatischen Jahre des Umbruchs und der politischen Umwälzungen sind an den Rand geschoben. Der Leser erfährt davon nur aus den Erlebnissen Bachs. Und der ist meist stiller Beobachter, dann aber plötzlich zutiefst Betroffener, als eine Horde Marodierender das Grimm'sche Gehöft überfällt. Bach kann Klara nicht schützen, sie stirbt Monate später bei der Geburt der kleinen Anna. Bach wird später noch einen „Sohn„ auf dem Hof großziehen: Wassja, einen verwahrlosten, rabiaten Jungen, dessen wacher Geist lange Zeit verborgen bleibt. Bach macht es sich zur Aufgabe, die beiden heranwachsenden Kinder auf das Leben in unruhigen Zeiten vorzubereiten. Er tut das mit anrührender Fürsorge. In allen schwierigen Lebenslagen hilft ihm sein Wissen und seine Kreativität. Im Tausch gegen Lebensmittel für Annchen hat er schon für die neue kommunistische Instanz im Dorf, Parteisekretär Hoffmann, phantastische Märchen aufgeschrieben. Hoffmann setzt auf Brauchtum, um die Menschen in Gnadental auf die neuen Zeiten einzustimmen. Bach liefert und erfährt, dass das, was er an dramatischen und wundersamen Geschichten aufgeschrieben hat, plötzlich Realität wird... Was hervorragend zum Handlungsmuster Gusel Jachinas passt und den Roman mit weiteren fantastischen Wendungen vorantreibt, er wächst wie ein stark farbiges, fein verästeltes Gebilde und verströmt eine besondere Magie. „Je weiter wir lesen, desto größer wird unser Staunen“, schreibt die russische Übersetzerin Jelena Kostjukowitsch in ihrem Nachwort. Genauso ist es, man ist schon nach ein paar Seiten (von 590) gefesselt, vom Thema, von Gusel Jachinas Figuren, vor allem ihrer Hauptfigur Jakob Bach und von ihrer eigenwillig kraftvollen Sprache, die lebendige, farbige Bilder zaubert und Dramatisches und Zärtliches feinsinnig auszudrücken vermag.

Alexander von Humboldt: Der Andere Kosmos, dtv

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angechaut haben“. Ein Zitat des großen Weltreisenden und Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859), dessen 250. Geburtstag am 14. September dieses Jahres gefeiert wird. Der Verlag dtv tut das mit einer Gesamtausgabe des publizistischen Werkes, die ab Mitte August in den Buchhandlungen sein wird.
Das „Vorläufer“- Buch „Der Andere Kosmos“ präsentiert eine Auswahl: 70 Texte, veröffentlicht in 70 Orten weltweit, Einblicke in 70 Jahre Forschung. Es ist ein Bild der Welt in vielen kleinen Schriften, Fragmenten und Facetten. Humboldt war eine Meister der kleinen Form, er hat tausende Briefe und Essays verfasst und in alle Welt verschickt. Und seine Interessen waren breit gefächert.
Und so lesen und staunen wir „Über die Chinawälder in Südamerika“ , 1808 in Mailand veröffentlicht: „ Der Zweck dieser Abhandlung ist den Fieberrindenbaum als einen Gegenstand der physikalischen Erdbeschreibung oder der Pflanzen-Geographie zu betrachten...“
Oder 1821, publiziert in einem Liverpooler Magazin „Hemden und Mützen auf den Bäumen“: „Wir sahen am Abhange der Ernea Duida (in Süd-Amerika) Hemdenbäume von 50 Fuß Höhe. Die Indianer schälen … die rothe faserige Rinde ab.“ Man erfährt: Diese Rinde dient als Hemd ohne Naht. Wie eine starke Sackleinwand, die besonders in der Regenzeit schützt. „Dazu passen die Mützen recht gut, welche die Blüthen einer gewissen Palmenart bilden und die grober Strickerei täuschend ähnlich sehen...“
Oder die Abhandlung von 1841 in „Der Hausfreund“ in Nördlingen erschienen, über „Das Kreuz des Südens“ : „Seit wir in die heiße Zone eingetreten waren, konnten wir jede Nacht die Schönheit des südlichen Himmels nicht genugsam bewundern, welcher in dem Maß, als wir nach Süden vorrückten, neue Sternbilder unseren Augen entfaltete...“
Oder wir lesen: 1831 im Louisville Daily Journal „Der Sklavenhandel“ ….“Bey diesen empörenden Berechnungen von Menschenconsum ist noch keine Rücksicht genommen auf die Zahl jener unglücklichen Sclaven, die während der Überfahrt zu Grunde gingen oder die als verdorbene Waare in die See geworfen wurden.“
Die Herausgeber von „Der andere Kosmos“, Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, präsentieren eine phantastische Sammlung: haben für jedes Jahr von Humboldts publizistischer Tätigkeit - von 1789 bis 1859 - ein Beispiel ausgewählt: 70 Texte, veröffentlicht weltweit an 70 verschiedenen Orten – von Havanna bis Hamburg, von Sydney bis San Salvador. Die meisten dieser Essays und Artikel waren in Vergessenheit geraten und kaum jemals wieder nachgedruckt worden.

Der letzte Beitrag ist vom 15. März 1859, ein paar Wochen vor Humboldts Tod. Der berühmte Mann schickte einen Hilferuf in die Welt: „Ruf um Hülfe.“ … „Leidend unter dem Drucke einer immer noch zunehmenden Correspondenz, fast im Jahresmittel zwischen 1600 und 2000 Nummern, Briefe, Druckschriften, Manuskripte... Anerbietungen mich häuslich zu pflegen, zu zerstreuen und zu erheitern..., bat er um Ruhe und Musse für die eigene Arbeit. Und schloss den Appell mit den Worten: „Möge dies nicht lieblos gemissdeutet werden!“
Der Weltreisende, dessen Gesamtwerk einen neuen Wissensstand von der Welt vermittelte , wurde weltweit gelesen. Und seinen internationalen Ruhm begründeten nicht nur seine Bücher und Reisebeschreibungen, sondern auch seine Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen. Beginnend 1798 mit einem Abdruck über einen giftigen Baum in Indien, den Bohon-Upas, endend mit dem zitierten „Ruf zur Hülfe“. Das publizistische Werk zu entdecken ist ein wunderbares Geburtstagsgeschenk!

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