Christian Kracht: Eurotrash, Kiepenheuer & Witsch

„Also, ich musste wieder ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich unbedingt und sofort sprechen...“ Der Sohn, die Ich-Figur des Romans, folgt dem dringlich geäußerten Wunsch der 80jährigen. Er reist nach Zürich wie er es seit einiger Zeit jeden zweiten Monat macht: „schreckliche Besuche, ganz und gar abscheulich, es war mehr als ich ertragen konnte“.
Die Mutter ist psychotisch und dement, ihren 8o. Geburtstag musste sie in der geschlossenen Psychiatrie feiern. „Dort saß sie zusammengekauert im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur, das Gesicht vom betrunkenen Hinfallen 
zerschrammt und mit dunkelroten Blutkrusten überzogen, vor sich einen Blumenstrauß zu 800 Franken,“ erinnert sich der Sohn, der sich inzwischen entschlossen hatte, „das Elend einfach zu akzeptieren, in dem meine Mutter in ihrer Wohnung seit Jahrzehnten dahinlebte, umgeben von kullernden, leeren Wodkaflaschen und den knisternden Folien ihrer Schmerzmittelpackungen.“

Christian Kracht, der schon in seinem Roman „Faserland“ bewiesen hat, wie großartig er sich selbst in Szene setzen kann, bearbeitet nun die eigene Familiengeschichte, ungeschönt legt er Wunden bloß, blickt in Abgründe, setzt dramatische Bezüge und effektvolle Höhepunkte, um den Zerfall einer Familie zu schildern, die in die Hoffnungslosigkeit abgestürzt ist. Wobei er Realität und Fiktion gekonnt mischt und den bizarren, traurigen Zürich-Besuch bei der Mutter dramaturgisch geschickt anlegt. Natürlich fragt man sich immer wieder: Ist das nun wirklich wahr oder schriftstellerische Freiheit? Tatsache ist auf jeden Fall, dass sein Vater Christian Kracht Verlagsmanager bei Axel Springer war. Der Sohn eines Taxifahrers aus Hamburg brachte es zu einem der bestbezahlten Manager der damaligen Bundesrepublik und häufte ein Vermögen an.
Und gut ist die Geschichte ebenfalls, eine Mischung aus einer Reise ins Ich und in die Familienvergangenheit mit allen Schrecknissen, schräg, abgründig, exaltiert und auch entblößend mutig. Dabei leicht und locker erzählt, es sei denn der Autor ist außer sich, gerät in einen provozierenden Redeschwall und muss sich erst mit einer Tirade abreagieren.

Mutter und Sohn reisen also mit dem Taxi und einer prall gefüllten Plastiktüte voller Geld durch die Schweiz, zuerst zu einer Öko-Kommune, an deren Verkaufsstand der Sohn einen wollkratzigen braunen Pullover erstanden hatte, der bei ihm ein heimeliges Gefühl verursachte. Zum Frühstück essen sie Forelle in einem Gasthof, in dem sie vor Jahrzehnten des öfteren eingekehrt waren. Später fahren sie mit der Gondelbahn auf einen Berggipfel, um ein echtes Edelweiß zu suchen. Sie kommen sich wieder näher, reden miteinander. "Erzähl mir noch eine Geschichte, Christian, das kannst du so gut,“ bittet die Todkranke.
Es geht immer um die wechselnde Befindlichkeit der Mutter, um ihr zerstörtes Leben und um die Liebe, die Verachtung und die Traurigkeit des Sohnes – und um dieses verdammte Geld, diese 600.000 Schweizer Franken in der Plastiktüte, aber auch um die Millionen, die noch in den Depots und Tresoren lagern, um den Überfluss, der zu Dekadenz führt. „Eurotrash“ meint das Obszöne am Geld und definiert es auch als trivialen Müll. Und so streut auch der Sohn (und Autor) seine Verachtung für Euro und Franken und ein durch Geld sinnlos gewordenes Leben immer wieder über 210 Buchseiten aus, ebenfalls seinen Hass auf die Schweiz, (ein „durch Geld verkommenes und verwahrlostes Land“). Eine Wahnsinns-Szene, als Mutter und Sohn oben auf dem Berg zwei indische Touristinnen aus der Plastiktüte mit Tausenden von Franken beschenken wollen. Eine Windbö wirbelt das Geld durcheinander und treibt es in die Tiefe, bevor die beiden verdutzten Frauen zugreifen können. Wie hatte die Mutter gesagt: „Wir werden dieses Geld verschenken, loswerden, verschleudern. An irgendwelche Menschen, ganz zufällig.“ Dann könnten beide vielleicht doch noch einmal nach Afrika fliegen.

Dazu wird es nicht kommen, das Taxi wird nicht zum Land Rover und der Taxifahrer nicht zum Kenianer. Das Taxi hält am frühen Morgen in Winterthur vor der Nervenklinik Elfenstein. „Es war eine sehr schöne Reise mit Dir“, sagt die Mutter zum Abschied.

Steffen Kopetzky: Monschau, Rowohlt Berlin

Deutschland 1962, Wirtschaftswunderland, gegen Ende der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer: Die Nation ist mit Aufbruch und Wohlstandswachstum befasst und entspannt sich bei der Suche nach dem Halstuch-Mörder im Durbridge-Fernseh-Sechsteiler. Da bahnt sich in der Nordeifel, direkt an der belgischen Grenze in der idyllischen Fachwerkstadt Monschau ein echtes Drama an. „Variola“ heißt es, was eher harmlos klingt, doch dahinter verbirgt sich der wissenschaftliche Name des hochinfektiösen Pockenvirus, das in Deutschland 1962 ein letztes Mal ausbricht – in eben diesem Eifelstädtchen Monschau.

Steffen Kopetzkys neuer Roman "Monschau" hat dieses wahre Geschehen aus Nachkriegsdeutschland aufgegriffen – mit dem Gespür für den richtigen Zeitpunkt, an dem uns Wörter wie Quarantäne und Ausgangssperre wieder geläufig sind. Doch die Spannung in seinem Roman baut sich nicht nur durch den Kampf gegen „Variola“ auf, auch die Kriegsgeschehnisse, die letzte Abwehrschlacht in der Eifel gegen die westlichen Allierten* und das Geschehen dort während der NS-Zeit werden benannt. Der größte Arbeitgeber in Monschau hat den Betrieb mit Zwangsarbeitern aufgebaut. Was wird sonst noch alles verdrängt, verschleiert, verharmlost? Diese abgründigen Verknüpfungen mit der Handlung und den wahren Ereignissen von 1962 in der Eifel machen das Besondere des Romans aus, sorgen für überraschende Einblicke, erinnern an fast vergessene Begebenheiten, fädeln neue Verbindungen ein und schüren so die Spannung.

Mittelpunkt und Ausgangspunkt der Geschichte sind die Rither-Werke in Monschau, die Hochtemperaturöfen produzieren und weltweit agieren. Ein Techniker ist nach längerem Indien-Aufenthalt in die Eifel zurückgekehrt, hat die Pocken mitgebracht und seine kleine Tochter angesteckt. Die zehnjährige Bärbel liegt im Krankenhaus in Monschau, als der Düsseldorfer Dermatologe Professor Stüttgen mit seinem
griechischstämmigen Assistenten Nikos Spyridakis in einem alten VW-Käfer nach Monschau aufbricht. „Der schneereichste Januar seit Menschengedenken bescherte ihnen zwei Meter hohe Mauern an den Straßenrändern...Fast war es, als würden sie direkt in eine gigantische Schneekugel hineinfahren. Doch mitten in diesem Idyll lauerte das Ungeheuer, winzig, unsichtbar, aber tödlich.“

Günter Stüttgen hat den offiziellen Auftrag, die Pocken-Epidemie einzudänmmen, zu besiegen. Sein Assistent wird zum Betriebsarzt der Rither-Werke, schützt sich täglich mit einem eigens für ihn entwickelten stählernen Anzug, um die Angestellten und Arbeiter mit Anfangssymptomen in ihren Firmenhäuschen aufzusuchen und zu isolieren. Er wohnt in der Ritherschen Villa, in der inzwischen auch Vera, die Erbin der Rither-Werke, die in Paris studiert, eingetroffen ist. Die beiden hören gemeinsam Jazz und verstehen sich immer besser. Eine romantische Liebe nimmt ihren Anfang, und das tut gut, bei allem Kampf – mit Pocken-Gegenwart und NS-Vergangenheit.

Das tückische Virus wird besiegt. 1962 in der Realität und so auch im Buch. Die Experten verordnen immer wieder Hausquarantäne, richten, ob in Volksschule oder Schützenheim, große Quarantäne-Einrichtungen ein, pochen auf strikte Einhaltung der verfügten Anordnungen, erklären Politikern, was noch alles Schreckliches geschehen könnte, loben das medizinische Personal und stärken den Ärzten vor Ort den Rücken. Einsatz bis zur Schmerzgrenze, und dennoch bleibt Professor Stüttgen die bittere Erfahrung nicht erspart, „dass er zum Gesicht der Epidemie wird. Viele übersahen seine Ehrlichkeit, seine Ernsthaftigkeit, seine Entschlossenheit. Man sah nur: Wenn Stüttgen kam, kamen auch die Pocken“... Klingt doch sehr aktuell.

Der Sieg über die Epidemie wäre nicht befriedigend, flögen nicht zeitgleich ein paar Schurkenstücke auf. So wird der machthungrige Direktor der Rither-Werke entlarvt und aus seiner palaisartigen Dienstvilla in die Flucht getrieben. Übrigens von einem Reporter der damals sehr auflagenstarken Zeitschrift „Quick“, in dem man unschwer den Bestsellerautoren Johannes Mario Simmel wiedererkennt.

* 1944 fand bei Monschau die "Allerseelenschlacht" statt, die mehr als 30.000 Soldaten das Leben kostete

Minka Pradelski: Es wird wieder Tag, Frankfurter Verlagsanstalt

„Er sieht aus, als hätte er die Welt schon einmal gesehen“ , sagt der Arzt und betrachtet nachdenklich das Neugeborene. Ein kleiner Junge, der den Namen „Bärel“ tragen wird. Bärel hat tatsächlich einen allwissenden Blick auf die Welt und ist seiner Baby-Zeit immer um Längen voraus. Als Einjähriger versteht und spricht er polnisch, deutsch, jiddisch – und muss acht geben, dass seine Eltern Klara und Leon Bromberger nicht entdecken, dass er viel mehr ist als ein altkluges, bestens entwickeltes Baby. Bärel weiß bereits: „ In Deutschland gibt es Arbeit für mich zu Genüge. Ich muss Mutter beschützen und auf Vater achten. Euer Sohn ist ganz nahe bei Euch...“

Minka Pradelski beginnt ihren Roman aus der Ezählperspektive eines Kindes, das wissend wie ein Erwachsener redet und frech und arrogant die Menschen um es herum betrachtet und bewertet. Als zweite Ich-Stimme im Roman redet Klara, Bärels Mutter, eine junge Jüdin, die den Holocaust nur knapp überlebt hat. Sie erzählt ihre Geschichte: ihr monatelanges Untertauchen in der polnischen Heimat, ihre Enttarnung, ihr Überleben im Zwangsarbeiterlager und wie sie nach Kriegsende in einem DP-Camp* auf Leon trifft. Auch er ist dem Grauen entkommen und nun dabei, mit Schmuggel die Basis für zukünftiges Wohlergehen zu schaffen. Leon ist die dritte Erzählstimme, die den Roman voran treibt. Pradelskis Schilderungen sind fiktiv, aber realistisch.

Sehr bewußt hat die Autorin, die 1947 im DP-Camp Zeilsheim als Tochter überlebender jüdischer Eltern geboren wurde, diese Erzählform aus drei Perspektiven gewählt. Ihr ging es auch um etwas, das sie als große seelische Not erlebt hat: um das Unvermögen jüdischer Überlebender, ihren Kindern, ihrem Ehepartner, ihrer Familie von der Verfolgung und der geplanten Auslöschung des jüdischen Volkes und ihrem persönlichen Schicksal zu erzählen. Die Soziologin Pradelski arbeitete unter anderem im Sigmund-Freud-Institut an dem Projekt „Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit.“ Dieses Unvermögen, über das erlebte Grauen zu sprechen, trifft im Roman auch Klara und Leon, die im Land der Täter den Neuanfang gewagt haben. Erst ein Schockerlebnis bringt Klara dazu, ihre Geschichte aufzuschreiben. Auf einem Spaziergang durch den Park begegnet sie ihrer ehemaligen KZ-Aufseherin, ihrer Peinigerin, die die Frauen im Lager damals „Liliput“ nannten. Liliput, eine zierliche Person, die eiskalt und grausam agierte. Klara hat sie im Park auch an ihren Stiefeln erkannt. Die Tochter eines Schuhmachers hat dafür einen geübten Blick. „Schau nicht hin!“, herrscht sie Bärel, der im Sportwagen sitzt, in einem ungewohnt scharfen Ton an. Da ist sie, die Teufelin!“

Klara wird nach dieser Begegnung depressiv, vernachlässigt sich und den kleinen Bärel, will auch ihrem Mann von den furchtbaren Erlebnissen, die sie wieder verfolgen, nichts erzählen. Leon bedrängt sie, das Böse aufzuschreiben, um es aus ihrem Leben zu bannen: “Schreibe Klara, schreibe. Fessele das Böse mit deinen Worten!„
Klara nimmt Bärel auf den Schoss und küsst ihn. Ab diesem Tag wird sie nachts am Küchentisch sitzen und ihre Geschichte aufschreiben, den Kleinen neben sich . „Ich schreibe für dich...mein Kind...“

Aus Klaras und Leons Geschichte erfährt man auch sehr viel über die Jahre 1946/1947, die Nach-Holocaust-Zeit in Deutschland – die gebrochenen Lebensläufe, die auch die Erinnerungen von Zeitzeugen bergen, sind eingebettet in ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte. Minka Pradelski bleibt nah bei ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie, sie hat sich ihr ganzes Leben mit diesem Thema auseinandergesetzt. So fließt all ihr Wissen in diesen vielschichtigen, tragischen und berührenden Roman, der tiefe Wunden aufzeichnet, menschliche Abgründe entlarvt, aber auch hilfreiche Gesten und Begebenheiten schildert.

 

 

 

* Jüdische, heimatlose Überlebende warteten nach dem Krieg in DP-Lagern, die von den Amerikanern für „displaced persons“ eingerichtet worden waren, bis sie aus Deutschland Richtung USA oder Palästina oder in eine neue Heimat ihrer Wahl ausreisen konnten.

Helga Schubert: Vom Aufstehen, dtv

„Nun hat sich der Kreis geschlossen“, sagt Helga Schubert, als sie ihr neues Buch bei einer digitalen Lesung vorstellt. Für die Titel- Geschichte „Vom Aufstehen“ ist die 81jährige im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Das weckt natürlich die Erinnerung an eine Einladung, die sie vor 40 Jahren schon einmal zu diesem Wettbewerb bekommen hatte. Damals, 1980, durfte die Schriftstellerin allerdings nicht aus der DDR in den Westen nach Klagenfurt reisen, um an den renommierten Literaturtagen teilzunehmen. Auch diese Zurückweisung und Auseiandersetzung mit der Staatsmacht wird benannt und beschrieben in einer der 29 autobiographisch geprägten Erzählungen und Episoden, in denen Helga Schubert ihr Jahrhundertleben mosaikstückhaft und „emotional wahr“ literarisch verarbeitet hat.
Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, ist ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung. Der Vater, im Krieg gefallen, die Mutter eine schwierige, gefühlskalte Person, unter der sie auch als erwachsene Frau noch leidet. Einen Sehnsuchtsort hat sie als Kind nur bei der Großmutter in Greifswald, wo sie im Sommer die Ferien verbringt, in der Hängematte zwischen Apfelbäumen liegt und warmen Streuselkuchen genießt. Zitat: „So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“
Helga Schubert muss schon sehr früh das „Aufstehen“ zu ihrem Lebensprinzip erhoben haben, nachdem bereits die Kindheit von Aussagen wie diesen geprägt wurde. Helga Schuberts Mutter sprach von drei Heldentaten, die sie für ihre Tochter vollbracht habe.1. Sie habe sie nicht abgetrieben. 2. Sie habe sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen. 3. Sie habe sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen.
Auch der Tod des Vaters lässt Helga Schubert nicht los. Er ist 1941 im Krieg auf einem vereisten toten Arm der Wolga von einer Handgranate zerrissen worden und war sofort tot. Ein Jahr nach Helga Schuberts Geburt. „Es ist ein Trauma meines Lebens: Dieser zerrissene, mir doch unbekannte Mann, ich bin sein einziges Kind und kenne ihn nur aus Erzählungen seiner Mutter und den Erinnerungen seiner Witwe, meiner Mutter“...
Man darf Helga Schuberts Kindheit wohl eine verlorene Kindheit nennen. Als Erwachsene, als Schriftstellerin und Psychotherapeutin, steht sie in der DDR anderthalb Jahrzehnte unter Beobachtung der Stasi. Sie erzählt, wie sie, eingestuft als „feindlich-negativ „ dennoch ab und zu aus dienstlichen Gründen in den Westen reisen durfte und beim ersten Besuch jenseits der Mauer in Berlin, am Potsdamer Platz die Holztreppen „wie einen Anstand zur Jagd“ bestieg und „ihre Mitbürger im Osten von außen betrachtete. Wie Eisbären im Zoo“. Sie beschreibt, wie sie ihre Lebensjahre in der DDR als „immer absurder empfand“– etliche Geschichten im Buch handeln davon – und wie sich ihr Widerstand gegen das Leben in der DDR äußerte und aufbaute. Sie war nicht bereit, „die Schöpfung nur in diesem engen, eingemauerten Umkreis zu bewundern: „Ich will mir mein Maß nicht vorschreiben und meine Sehnsucht nicht nehmen lassen.“ Innerhalb der DDR-Literatur gehörte sie zu keiner Gruppierung, war mit Sarah Kirsch und Christa Wolf befreundet, was im neuen Buch aber noch nicht einmal erwähnt wird. Jahrzehntelang lebt sie die zwei Seiten ihres Lebens :„Ich habe die Regeln des Ostens begriffen und beachtet, aber zu Hause lebte ich im Westen, mit Ironie, mit Jazz und den Schlagern der Woche erholte ich mich vom Pathos draußen.“
Nach dem Fall der Mauer ist sie die Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches und gehört zu denen, die die ersten freien Wahlen in der DDR vorbereiten. Die neue Freiheit empfindet sie als beglückend, ebenso ihr ländliches Domizil im Hinterland der Ostsee, ein altes Bauernhaus in einem mecklenburgischen Dorf. Zu Alt-Meteln gehört auch die Künstlerkolonie Drispeth, Christa Wolf und Sarah Kirsch waren die Nachbarn von Helga Schubert und ihrem Mann Johannes Helm. Nach zahlreichen Büchern und Auszeichnungen hatte sich Helga Schubert eigentlich schon aus der literarischen Öffentlichkeit zurückgezogen, las ab und zu eine eigene Erzählung, wenn ihr Ehemann – in der DDR ein führender Psychotherapieforscher, privat ein Maler– in Neu Meteln zur Vernissage seiner neuen Bilder geladen hatte. Nun liegt das Lebens- Buch in 29 Geschichten vor – Geschichten, die Helga Schubert so verstanden wissen will. Zitat: „ Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel. Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.“
Die berührendsten Texte sind die, in denen Helga Schubert viel Persönliches preisgibt. Wie in der letzten (preisgekrönten) Geschichte des Buches „Vom Aufstehen“. Der Aufbau ist einfach, aber sehr wirkungsvoll: Die Erzählerin liegt am Morgen wach unter ihrer weichen Bettdecke, hat noch etwas Zeit, bevor sie aufsteht und lässt die Gedanken fließen. Sie denkt daran, wie ihre Mutter sie morgens weckte, das Bettzeug mit energischem Griff wegzog und dabei sang. Sie denkt an ihren - inzwischen pflegebedürftigen - Mann, der 50 Jahre lang das Frühstück für sie beide gemacht hat. Sie konnte noch liegenbleiben, „mit immer noch geschlossenen Augen einen Traumrest festhalten.“ Bis er sie rief und es nach Kaffee und geröstetem Brot roch. Sie wird ihn gleich umarmen und vielleicht im Rollstuhl an den kleinen See im Dorf schieben, und sie werden gemeinsam die Stille und die Geborgenheit dieses Ortes genießen. Und sie denkt an das Gespräch mit der jungen Pastorin, das sie über das vierte Gebot führten. „Ich kann das vierte Gebot nicht erfüllen“, hatte Helga Schubert gesagt, „ich kann meine Mutter nicht lieben, so wie sie mich nicht lieben kann“. Die Pastorin hatte die überzeugte Christin Helga Schubert korrigiert. „Von lieben ist im Gebot nicht die Rede. Sie brauchen sie nur zu ehren. Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk.“ Ein Gespräch, das die Tochter befreit. Sechs Tage vor dem Tod ihrer 101jährigen Mutter kann Helga Schubert sich versöhnen und ihrer Mutter am Krankenbett sagen: „Ich verdanke dir, dass ich lebe. Es ist alles gut.“

 

 

Michael Kleeberg: Glücksritter, Galiani

„Vielleicht hat mein Vater sein ganzes Leben lang geglaubt, dass das Schicksal für ihn, einen Kleeberg, ...irgendwann gerechterweise die Chance bereithält, sein Glück zu machen...“. Michael Kleeberg hat dem Leben seines Vaters, seiner Familie, nachgespürt, hat akribisch durchleuchtet, warum sein Vater so wurde, wie er ihn erlebt und empfunden hat. 233 Buch-Seiten Erkenntnisse, Einschätzungen, Selbstbefragungen sind daraus entstanden: „Recherche über meinen Vater“ hat Michael Kleeberg sein neues Buch genannt, es ist sein bisher persönlichstes geworden.

Die Spurensuche beginnt, als der inzwischen 80jährige Vater bei dem urlaubenden Sohn einhütet und später mails auftauchen, die nur einen Schluss zulassen: Der Vater ist Trickbetrügern der „Nigeria Connection“ ins Netz gegangen und hat sein letztes Geld (und zusätzlich geliehenes) für immer verloren. Hartnäckig weigert sich der Vater, mit dem Sohn darüber zu reden. Und sofort kommen die alten Kindheits- Gefühle wieder hoch. Zitat. „Ich schämte mich wieder meiner Eltern, ihrer mangelnden gesellschaftlichen Geschmeidigkeit, ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit, ihrer sozialen Einsamkeit„ … „Ich hatte mich ihrer 20 Jahre lang geschämt.“ Geld und Status wurden in dieser Familie als immens wichtig angesehen aber ständig auch zerstört, aufs Spiel gesetzt, verschleudert. Der Sohn berichtet das schonungslos, beschreibt auch den Druck, den der Vater auf den Sohn ausübt. Für ihn muss und soll es eine Akademiker-Karriere sein. Der „Auserwähltheitsdünkel“ der Familie (wir sind doch die besten!) bleibt bei allem Auf und Ab ungebrochen. Zwischen Vater und Sohn hatte sich eine Hass-Liebe entwickelt.

Nach dem Betrug an dem alten, schwerkranken Vater ringt der Sohn mit seinen Gefühlen, er spürt plötzlich nicht nur Schadenfreude, Verachtung und Überlegenheit, er spürt auch ein tiefes, trauriges Mitleid mit dem alten, naiven Paar. Er hat den großen Wunsch zu verstehen: Warum ist mein Vater sein Leben lang dem Glück hinterher gejagt? Warum wurde in meiner Familie Glück immer nur mit Geld gleichgesetzt? Wie haben eine schwierige Kindheit in dunklen Zeiten meinen Vater geprägt?

Die Spurensuche weitet sich aus, als er nach dem Tod des Vaters dessen Papiere ordnen muss. Ihm wird klar, dass der Vater viel Pech mit Geld hatte, aber auch oft falsche Entscheidungen getroffen hat. Aber er erinnert auch „Höhepunkte in der Aufsteigergeschichte meines Vaters“: zum Beispiel den Kauf eines metallicgrünen Ford 17m mit Weißwandreifen, er sieht die große Geste noch vor sich, mit der der Vater dem Verkäufer acht Tausendmarkscheine in die Hand blättert. Meist aber wurde der Junge Zeuge, wie die Eltern über den Mangel an Geld lamentierten: „Das können wir uns nicht leisten.“ Dabei waren Geld und kleinbürgerlicher Besitz eigentlich vorhanden, aber immer überlagert von der Angst vor dem Abstieg. Und dieses ständige Ringen um Geld und finanzielle Sicherheit „macht was mit einem. Nichts Gutes“. Der Sohn erinnert die Krisensitzungen seiner Eltern und die typisch theatralischen Formulierungen seiner Mutter, die sie dem Vater kreischend entgegen schleudert: „Wir kommen alle in den Schuldturm“... Der Sohn ist acht Jahre alt, als er beginnt, die Achtung vor seinem Vater zu verlieren, plötzlich glaubt, er allein “müsse die Familienehre retten und rächen, der Vater erscheint ihm unfähig, feige: „Der Vater, ein Versager“.

Erst jetzt, Jahrzehnte später bei der Recherche über seinen Vater hinterfragt der Sohn ausführlich dessen Lebenssäulen, das „Hans im Glück-Syndrom" und „die Macht des Geldes“ und beschäftigt sich intensiv mit seiner Herkunftsfamilie – entdeckt dabei Erstaunliches. Hat er nicht ähnlich reagiert wie sein Vater damals, mit dem „Versuch sich selbst neu zu erfinden und dabei alles Herkommen zu leugnen“? „Wie viel vom Vater steckt in mir?“ Kleeberg schont sich nicht bei seiner Selbstbefragung und scheut dabei auch nicht den Schmerz. Nur so gelingt die Annäherung.

Der Vater, das hat er noch erfahren dürfen, war mit dem Leben seines Sohnes „im Reinen“. Und der Sohn? Er hat die offenen Fragen an seinen Vater mit diesem Buch beantwortet. Und das ist mehr als eine Annäherung, es ist eine späte Versöhnung.

 

 

 

Arno Camenisch: Goldene Jahre, Engeler

„Da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten...denn da geht auch das Leben im Dorf an...“ Margrit und Rosa-Maria führen gemeinsam seit 51 Jahren einen Kisok mit Zapfsäule in einem Dorf in Graubünden. Seitdem die „Umfahrung“ da ist, die Umgehungsstraße, kommen nur noch Stammgäste vorbei zum Tanken, aber früher, da waren sie und ihr Kiosk, die Zapfsäule und die prächtige Leuchtreklame auf dem Dach der Mittelpunkt, der Nabel des Dorfes, ach was, der ganzen vorbeifahrenden Welt. Was haben die beiden nicht alles gesehen und erlebt!

Arno Camenisch, der empathische Schweizer Chronist vergehender Welten, setzt in seinem neuen Buch den beiden alten Damen und ihrem Kiosk mit Zapfsäule ein Denkmal. So wie er in „Der letzte Schnee“ (siehe auch Besprechung auf www.marthasbuecher.de unter der Rubrik „Deutsches Haus“) die beiden alten Männer Georg und Paul und ihren ratternden Schlepplift unsterblich gemacht hat. So wie er überhaupt seit über zehn Jahren in elf Büchern über das schreibt, was langsam verschwindet. Und das in seinem typischen Stil, voller Wärme und Humor und Menschenfreundlichkeit. Typisch ist auch seine Sprache, ein Gemisch aus Hochdeutsch und Dialekt und Neuschöpfungen, garniert mit „li“- Endungen. Das liest sich so liebenswert, anrührend, weich und glatt.

„Eine Epoche haben wir geprägt, mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame“, sagt die Margrit und holt das Spray und einen Lumpen, um wie jeden Morgen die Glasscheibe des Kiosk zu putzen, der Korb mit den Zückerli wird noch gerichtet, dann stehen die beiden an der Zapfsäule, die bei Gebrauch schon ein wenig quietscht. Auch frischer Kaffee für die Kunden ist bereits gekocht. „Der Service ist top bei uns“, sagt die Margrit und fügt noch ein „sodali“ an.
Keiner will heute bei ihnen tanken, also haben die beiden Zeit für ihre schönen Erinnerungen und Geschichten, den nostalgischen Blick zurück. Als in der 70er Jahren die Tour de Suisse vorbeirauschte und die beiden mit feinen Schuhe und rotem Lippenstift vor ihrem Kiosk standen, zusammen mit dem ganzen Dorf, das sogar Fahnen und Trompeten aufgefahren hatte. Heute „fliegen“ Frauen mit grauen Dauerwellen auf ihren Elektro-Bikes am Kiosk vorbei. Sie reden auch darüber, dass die Winter so zahm und Schnee eine seltene Sache geworden ist und die dicken, warm gefütterten Schuhe nicht mehr gebraucht werden. In den Neunzigern war es noch eisig kalt, „von November bis Ende März war das Dorf weiß gekleidet, wir standen vor dem eingeschneiten Kiosk mit Fellmützen wie zwei Bisonjägerinnen in Alaska... was für ein schönes Bild.“
Unvergessen ist auch ihr Ausgang in ein feines Hotel mit köstlichem Essen und Champagner. Rosa-Maria trug eine hellblaue Federboa... Nur einmal in all den Jahren, sind die beiden Frauen auf eine Betrügerin reingefallen. Auf eine schick und teuer gekleidete Frau mit Handschuhen bis zu den Ellbogen. Erst am nächsten Tag auf der Bank war klar, dass der große Schein, mit dem sie bezahlt hatte, Falschgeld war. Seitdem machen sie Arbeitsteilung im Kiosk. Die eine handelt, die andere beobachtet...

„Wenn man so in seinem Kiosk steht, bekommt man eigentlich alles mit...Weißt du noch, 89 war das“, sagt die Rosa-Maria, „wie sie die Mauer abgerissen haben, in „Tütschland“, nur ein paar Tage später fuhr einer dieser Trabbis hier vor, ein weisser war das...“
Wunderbare Geschichten sind das, die sich die beiden Freundinnen erzählen, als Camenisch-Fan kann man nicht genug davon lesen. Leider sind wir schon auf der letzten Seite angekommen. Und auch die endet sehr schön: Ein Auto fährt vorbei. Die Reklame auf dem Kiosk leuchtet. Und die Margrit sagt: „Es warten noch viele Abenteuer auf uns“...