Michael Kleeberg: Glücksritter, Galiani

„Vielleicht hat mein Vater sein ganzes Leben lang geglaubt, dass das Schicksal für ihn, einen Kleeberg, ...irgendwann gerechterweise die Chance bereithält, sein Glück zu machen...“. Michael Kleeberg hat dem Leben seines Vaters, seiner Familie, nachgespürt, hat akribisch durchleuchtet, warum sein Vater so wurde, wie er ihn erlebt und empfunden hat. 233 Buch-Seiten Erkenntnisse, Einschätzungen, Selbstbefragungen sind daraus entstanden: „Recherche über meinen Vater“ hat Michael Kleeberg sein neues Buch genannt, es ist sein bisher persönlichstes geworden.

Die Spurensuche beginnt, als der inzwischen 80jährige Vater bei dem urlaubenden Sohn einhütet und später mails auftauchen, die nur einen Schluss zulassen: Der Vater ist Trickbetrügern der „Nigeria Connection“ ins Netz gegangen und hat sein letztes Geld (und zusätzlich geliehenes) für immer verloren. Hartnäckig weigert sich der Vater, mit dem Sohn darüber zu reden. Und sofort kommen die alten Kindheits- Gefühle wieder hoch. Zitat. „Ich schämte mich wieder meiner Eltern, ihrer mangelnden gesellschaftlichen Geschmeidigkeit, ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit, ihrer sozialen Einsamkeit„ … „Ich hatte mich ihrer 20 Jahre lang geschämt.“ Geld und Status wurden in dieser Familie als immens wichtig angesehen aber ständig auch zerstört, aufs Spiel gesetzt, verschleudert. Der Sohn berichtet das schonungslos, beschreibt auch den Druck, den der Vater auf den Sohn ausübt. Für ihn muss und soll es eine Akademiker-Karriere sein. Der „Auserwähltheitsdünkel“ der Familie (wir sind doch die besten!) bleibt bei allem Auf und Ab ungebrochen. Zwischen Vater und Sohn hatte sich eine Hass-Liebe entwickelt.

Nach dem Betrug an dem alten, schwerkranken Vater ringt der Sohn mit seinen Gefühlen, er spürt plötzlich nicht nur Schadenfreude, Verachtung und Überlegenheit, er spürt auch ein tiefes, trauriges Mitleid mit dem alten, naiven Paar. Er hat den großen Wunsch zu verstehen: Warum ist mein Vater sein Leben lang dem Glück hinterher gejagt? Warum wurde in meiner Familie Glück immer nur mit Geld gleichgesetzt? Wie haben eine schwierige Kindheit in dunklen Zeiten meinen Vater geprägt?

Die Spurensuche weitet sich aus, als er nach dem Tod des Vaters dessen Papiere ordnen muss. Ihm wird klar, dass der Vater viel Pech mit Geld hatte, aber auch oft falsche Entscheidungen getroffen hat. Aber er erinnert auch „Höhepunkte in der Aufsteigergeschichte meines Vaters“: zum Beispiel den Kauf eines metallicgrünen Ford 17m mit Weißwandreifen, er sieht die große Geste noch vor sich, mit der der Vater dem Verkäufer acht Tausendmarkscheine in die Hand blättert. Meist aber wurde der Junge Zeuge, wie die Eltern über den Mangel an Geld lamentierten: „Das können wir uns nicht leisten.“ Dabei waren Geld und kleinbürgerlicher Besitz eigentlich vorhanden, aber immer überlagert von der Angst vor dem Abstieg. Und dieses ständige Ringen um Geld und finanzielle Sicherheit „macht was mit einem. Nichts Gutes“. Der Sohn erinnert die Krisensitzungen seiner Eltern und die typisch theatralischen Formulierungen seiner Mutter, die sie dem Vater kreischend entgegen schleudert: „Wir kommen alle in den Schuldturm“... Der Sohn ist acht Jahre alt, als er beginnt, die Achtung vor seinem Vater zu verlieren, plötzlich glaubt, er allein “müsse die Familienehre retten und rächen, der Vater erscheint ihm unfähig, feige: „Der Vater, ein Versager“.

Erst jetzt, Jahrzehnte später bei der Recherche über seinen Vater hinterfragt der Sohn ausführlich dessen Lebenssäulen, das „Hans im Glück-Syndrom" und „die Macht des Geldes“ und beschäftigt sich intensiv mit seiner Herkunftsfamilie – entdeckt dabei Erstaunliches. Hat er nicht ähnlich reagiert wie sein Vater damals, mit dem „Versuch sich selbst neu zu erfinden und dabei alles Herkommen zu leugnen“? „Wie viel vom Vater steckt in mir?“ Kleeberg schont sich nicht bei seiner Selbstbefragung und scheut dabei auch nicht den Schmerz. Nur so gelingt die Annäherung.

Der Vater, das hat er noch erfahren dürfen, war mit dem Leben seines Sohnes „im Reinen“. Und der Sohn? Er hat die offenen Fragen an seinen Vater mit diesem Buch beantwortet. Und das ist mehr als eine Annäherung, es ist eine späte Versöhnung.

 

 

 

Arno Camenisch: Goldene Jahre, Engeler

„Da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten...denn da geht auch das Leben im Dorf an...“ Margrit und Rosa-Maria führen gemeinsam seit 51 Jahren einen Kisok mit Zapfsäule in einem Dorf in Graubünden. Seitdem die „Umfahrung“ da ist, die Umgehungsstraße, kommen nur noch Stammgäste vorbei zum Tanken, aber früher, da waren sie und ihr Kiosk, die Zapfsäule und die prächtige Leuchtreklame auf dem Dach der Mittelpunkt, der Nabel des Dorfes, ach was, der ganzen vorbeifahrenden Welt. Was haben die beiden nicht alles gesehen und erlebt!

Arno Camenisch, der empathische Schweizer Chronist vergehender Welten, setzt in seinem neuen Buch den beiden alten Damen und ihrem Kiosk mit Zapfsäule ein Denkmal. So wie er in „Der letzte Schnee“ (siehe auch Besprechung auf www.marthasbuecher.de unter der Rubrik „Deutsches Haus“) die beiden alten Männer Georg und Paul und ihren ratternden Schlepplift unsterblich gemacht hat. So wie er überhaupt seit über zehn Jahren in elf Büchern über das schreibt, was langsam verschwindet. Und das in seinem typischen Stil, voller Wärme und Humor und Menschenfreundlichkeit. Typisch ist auch seine Sprache, ein Gemisch aus Hochdeutsch und Dialekt und Neuschöpfungen, garniert mit „li“- Endungen. Das liest sich so liebenswert, anrührend, weich und glatt.

„Eine Epoche haben wir geprägt, mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame“, sagt die Margrit und holt das Spray und einen Lumpen, um wie jeden Morgen die Glasscheibe des Kiosk zu putzen, der Korb mit den Zückerli wird noch gerichtet, dann stehen die beiden an der Zapfsäule, die bei Gebrauch schon ein wenig quietscht. Auch frischer Kaffee für die Kunden ist bereits gekocht. „Der Service ist top bei uns“, sagt die Margrit und fügt noch ein „sodali“ an.
Keiner will heute bei ihnen tanken, also haben die beiden Zeit für ihre schönen Erinnerungen und Geschichten, den nostalgischen Blick zurück. Als in der 70er Jahren die Tour de Suisse vorbeirauschte und die beiden mit feinen Schuhe und rotem Lippenstift vor ihrem Kiosk standen, zusammen mit dem ganzen Dorf, das sogar Fahnen und Trompeten aufgefahren hatte. Heute „fliegen“ Frauen mit grauen Dauerwellen auf ihren Elektro-Bikes am Kiosk vorbei. Sie reden auch darüber, dass die Winter so zahm und Schnee eine seltene Sache geworden ist und die dicken, warm gefütterten Schuhe nicht mehr gebraucht werden. In den Neunzigern war es noch eisig kalt, „von November bis Ende März war das Dorf weiß gekleidet, wir standen vor dem eingeschneiten Kiosk mit Fellmützen wie zwei Bisonjägerinnen in Alaska... was für ein schönes Bild.“
Unvergessen ist auch ihr Ausgang in ein feines Hotel mit köstlichem Essen und Champagner. Rosa-Maria trug eine hellblaue Federboa... Nur einmal in all den Jahren, sind die beiden Frauen auf eine Betrügerin reingefallen. Auf eine schick und teuer gekleidete Frau mit Handschuhen bis zu den Ellbogen. Erst am nächsten Tag auf der Bank war klar, dass der große Schein, mit dem sie bezahlt hatte, Falschgeld war. Seitdem machen sie Arbeitsteilung im Kiosk. Die eine handelt, die andere beobachtet...

„Wenn man so in seinem Kiosk steht, bekommt man eigentlich alles mit...Weißt du noch, 89 war das“, sagt die Rosa-Maria, „wie sie die Mauer abgerissen haben, in „Tütschland“, nur ein paar Tage später fuhr einer dieser Trabbis hier vor, ein weisser war das...“
Wunderbare Geschichten sind das, die sich die beiden Freundinnen erzählen, als Camenisch-Fan kann man nicht genug davon lesen. Leider sind wir schon auf der letzten Seite angekommen. Und auch die endet sehr schön: Ein Auto fährt vorbei. Die Reklame auf dem Kiosk leuchtet. Und die Margrit sagt: „Es warten noch viele Abenteuer auf uns“...