Arno Camenisch: Der Schatten über dem Dorf, Engeler

Das Dorf in Graubünden liegt während der Wintermonate immer im Schatten, aber die Bewohner der 25 Häuser wissen ja, dass irgendwann der Frühling kommt und die Sonne wieder auf ihr Dorf scheinen wird. Den Schattenwinter waren sie gewohnt, der machte ihnen nicht zu schaffen, aber die Tragödie, die sich im Dorf vor Jahrzehnten ereignet hatte – sie warf lebenslang einen scharfen und langen Schatten auf das Dorf und schmerzt immer noch. So sehr, dass keiner darüber sprechen will. „Seitdem lag über dem Dorf ein feiner Hauch von Traurigkeit“ , schreibt Arno Camenisch, der in diesem Dorf aufgewachsen ist.

Nun bricht Camenisch das Schweigen über den tragischen Vorfall in seinem Dorf und beginnt seinen Bericht mit dem Satz „Die Welt stand still...“ Arno Camenisch erzählt von seinem Dorf, seinen Toten, seinen Verlusten und über die Tragödie: Er blickt zurück, voller Respekt und in warmherziger Erinnerung, beschreibt, wie es damals war, mit klaren Worten und in melancholischem Ton. Ein Bericht wie ein Epitaph für „die Menschen, die er weiter im Herzen trägt“.

Man weiß, dass das Verschwinden und Vergehen Camenisch's großes Thema ist, nur in diesem Buch ist alles anders. Kein verschroben-liebenswürdiges Sprachgemisch aus Hochdeutsch, Dialekt und Romanisch, keine komisch-kauzigen Begebenheiten oder Situationen. Als jedoch auch im neuen Buch der Kiosk mit Tanksäule beschrieben wird, der im letzten Camenisch-Buch im Mitttelpunkt stand, fühlt man sich sofort heimisch. (Buchtipp "Goldene Jahre", siehe auch Rubrik unter Menüpunkt "Mehr").

Der Erzähler ist also in sein Dorf zurück gekehrt, nur für kurze Zeit und zu einer Zeit, in der die ganze Welt innehält. Also jetzt. Er spaziert einmal durchs ganze Dorf, redet mit niemandem, nur mit sich selbst und den Toten. Er geht am Haus der Großeltern vorbei, sieht vor seinem inneren Auge den Großvater im beigen Kittel in seiner Rechenmacher-Werkstatt arbeiten, er denkt an seinen Vater, von dem er nie wissen wird, „was ihm eigentlich im Herzen brannte“, läuft am Haus der Tante vorbei, dem Restaurant Helvezia, wo sich die Familie immer am Ruhetag traf, am Bahnhof und am früheren Dorfladen. Und er passiert die Elternhäuser der drei Kinder, die ein Jahr vor seiner Geburt beim Spielen in einer Baumhütte oberhalb des Dorfes verbrannt sind. Das Unglück, das immer noch Rätsel aufgibt, geschah im August 1976. Der Schmerz darüber ist im Dorf nie vergangen. Das vierte Kind, das sonst immer mit den drei Freunden zusammen war, überlebte, weil die Mutter es an diesem Tag statt zum Spielen aufs Feld zum Heuen schickte. Zwei der umgekommenen Brüder kennt der Autor noch von einem Foto im Wohnzimmer der Familie. Es zeigt sie in ihren Kommunion-Kleidern mit ihrer Kerze in der Hand.

Camenisch erinnert sich an die vertrauten Menschen seiner Familie, stellt Fragen, die keiner mehr beantworten wird, beschreibt den Schmerz und die Erschütterung und denkt bei diesem Besuch, den er hier seiner Kindheit abstattet, über sein Leben nach. Mit 18 ist er aus dem Dorf weggegangen, hat die Welt erlebt. Aber bereits, als er mit der Mutter am Totenbett des Vaters saß, begriff er, „wie groß das Universum war, in dem er aufgewachsen war“. Er hat damals leise „danke„ gesagt. Ein sehr persönliches Buch, eine berührendes Lese-Erlebnis.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay

Carlo Weiss hat seine Mutter in ein Seniorenheim gebracht, nachdem sie ein Beistelltischchen aus dem Fenster geworfen hatte. Zum Glück war kein Passant unterwegs gewesen, als der Tisch krachend auf dem Bürgersteig aufschlug. Carlo ist Landschaftsgärtner, ein einsamer Mann, nachdem Ehefrau Ana ihn verlassen hat und die gemeinsame Tochter in London studiert. Als der Anruf aus dem Altenheim kommt, dass Mutter verschwunden und jegliche Suche bisher erfolglos gewesen sei, fährt er mit Agon , seinem Hilfsgärter aus dem Kosovo (Klappentext: eine sensible Seele in einem massigen Körper“ ), sofort zum Heim.

Im Zimmer seiner Mutter entdeckt er ein Foto aus ihrer Jugendzeit, 15 oder 17 muss sie damals gewesen sein. Es stammt aus der Zeit, als die Mutter Brot und Gebäck aus der Bäckerei ihres Vaters jeden Morgen mit dem Fahrrad an die großen Hotels in Montreux auslieferte. Carlo hat dieses Foto zuvor nie gesehen. Was bedeutet es, was ist mit Mutter passiert? Was weiß er, ihr Sohn, eigentlich von seiner Mutter? Carlos Gedanken fliegen kreuz und quer: „Ich wollte aus dem Fenster schauen, erblickte aber nur mein Abbild, das eines 45jährigen Buben als Spiegelung auf der dunklen Scheibe. Ich war ratlos und traurig, gefangen in einem dieser Momente von Entfremdung, in denen man wie abgeschnitten ist vom normalen Lauf der Dinge“ ...

 

Carlo wird plötzlich bewußt, dass er mit Mutter, die Kindheit abgezogen, nicht mehr als zwölf Jahre zusammengelebt hat. „Vielleicht zu kurz, um einen Menschen wirklich zu kennen“, reflektiert er. „Mama hatte eine Existenz vor mir gehabt, und nachher (nach seinem Auszug mit 17) lebte sie ihr Leben ohne mich weiter. Diese beiden Realitäten blieben für mich im Dunkeln.“

 

Der Schweizer Schriftsteller Roland Buti („Das Flirren am Horizont“) ist ein präziser und einfühlsamer Bebobachter von Mensch und Natur, ein Grübler über die Windungen und Wirrungen der Lebensläufe der Menschen und einer, der das Werden von Fauna und Flora staunend und voller Respekt erlebt. Gärten zum Beispiel sieht er als Refugium: „Gärten und Grün trösten. Gärten sind ein geschlossener, geschützer Raum.“ Über all das nachzudenken und das in einer poetischen Sprache zu beschreiben, das ist seine Kunst. Buti gelingt es, seine Figuren vertraut werden zu lassen, sie dem Leser nahe zu bringen. In „Das Leben ist ein wilder Garten“ ist es vor allem Agon, den er so liebevoll, warmherzig und sensibel ausstattet. Im Gespräch mit einer alten Dame aus dem Heim, nimmt Agon deren Hände in seine und schaute ihr geradewegs in die Augen. „Großmütter sind für Agon eine Kategorie außerhalb der gewöhnlichen Menschheit, und wie zivilisiert eine Gesellschaft ist, äußert sich seiner Ansicht nach ganz unmittelbar darin, welche Wichtigkeit sie den Großmüttern angedeihen lässt...“ Die alte Dame reagiert aufs schönste. Agon rieche nach frischem Grün und erinnere sie an den zarten Duft von Unterholz. Außerdem kennt Agon ein köstliches Rezept für Geleebonbons mit Hanf und Quitte.

 

 

Buti faszinieren, wie er im Interview sagt, „ die mysteriösen Dinge, die sich stets zwischen die Beziehungen der Menschen untereinander schieben.“ Das ist auch die Geschichte dieses Romans, in dem Carlo Stück für Stück eine ganz neue Seite im Leben seiner Mutter entdeckt: Madame Weiss ist aus dem Seniorenheim ausgebrochen und an den Ort ihrer ersten Liebe zurückgekehrt: in das Luxushotel Grand International in den Bergen oberhalb von Montreux am Genfer See. „Wir mögen Madame Weiss sehr“, begrüßt ihn der Hoteldirektor. Carlo erfährt von Mutters exotischer, geheimnisvoller Liebe. War sie das wichtigste in Mutters Leben? Er hat sie das in ihren letzten Tagen nicht mehr gefragt. Auch nicht, ob sie eigentlich ein glückliches Leben hatte...