Véronique Ovaldé: Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln, Frankfurter Verlagsanstalt

Glorias Mutter hat die Familie früh verlassen. Sie litt unter dem „Familienfluch“ der Schalck-Frauen: Sie bekommen Kinder, entwickeln dann aber keine Gefühle für sie, können ihre Mutterrolle nicht ausfüllen und spüren den emotionalen Mangel. Glorias Großmutter hatte es ähnlich erlebt. Ganz anders Gloria. Sie will dem Familienfluch entrinnen und kümmert sich wie eine Glucke um ihre Kinder, die 15jährigre Stella und die siebenjährige Loulou. Mit den beiden ist sie überstürzt aufgebrochen, hat ein paar Sachen gepackt, die Mädchen ins Auto manövriert und die sonnige Küste verlassen. „Pietro wird immer gefährlicher“, hat sie gemurmelt und außer den Stofftieren auch die Beretta ihres verstorbenen Mannes eingepackt.

Die Großmutter hat der Familie ein Landhaus im Elsass hinterlassen, ein einsames Idyll zwischen Wäldern und See. Dorthin flieht die Familie. Doch wovor? Weshalb?
Das Rätsel, gespeist aus der Vergangenheit, kann nur Gloria lösen, die es häppchenweise in Rückblenden ausstreut. Dafür unterbricht sie immer wieder den Erzählfluß der Gegenwart und gibt überraschende Wendungen und veräterrische Details preis. Das bringt Ovaldés Roman in ein rasantes Tempo und in eine knisternde Spannung. Gloria erzählt von ihrem Vater, von Onkel Gio, von dem undurchsichtigen, korsischen Anwalt der Familie, von ihrer großen Liebe Sam, dem Vater ihrer Kinder, der bei einem Brand umgekommen ist.
Loulou möchte, dass am Abend von ihrem Vater erzählt wird. Er ist gestorben, bevor Loulou geboren wurde. Ovaldé beschreibt das so: „Von Samuel zu erzählen ist die vom Mondlicht versilberte Beichtstunde. Flüsterstunde, die Stunde der Gefühle; wir brauchen solche Momente in der Nacht, da wir so zarte Tiere sind, so voller Verzweiflung.“ Ovaldé ist eine der bekanntesten Autorinnen Frankreich, eine excellente Stilistin, mit vielen Preisen ausgezeichnet. Und Glorias Geschichte hat Sogwirkung, man möchte sie bis in alle seelischen Verletzungen aufspüren und begreifen.

Schnell wird klar, die elsässische Idylle wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Ruhekissen. Loulou streift durch die Natur, Stellas Aufmüpfigkeit ist ermüdet, auch Gloria ist ruhiger geworden. Loulou hat erzählt, dass ihr im Traum ein alte Frau mit orangefabenen Haaren begegnet sei. Es war Großmutter Antoinette. Ein schlechtes Omen?
Als der korsische Anwalt Pietro mit dem Taxi vorfährt, setzt Gloria ein Lächeln auf und lädt zum Picknick am See. Lächeln ist ihr zur Maske geworden, hinter der ihre Panik lauert. Doch hinter einem Lächeln kann man sich geschickt verstecken. „Ein Lächeln genügt, und alle glauben, du bist harmlos.“ Und Gloria hat ihre Gründe, warum sie ständig lächelt. Sie legt weiter falsche Fährten. Ihre innere Wut hat sich fest einbetoniert. „Ihr Hass war grimmig, unvermittelt, ewig... Sie würde immer ein kleines Mädchen mit einer Axt bleiben.“
Dazu ein Zitat aus Paris Match: „Ein großer Roman. Bis zum Schluss überrascht Véronique Ovaldé mit dem gekonnten Einsatz von Spannung, aber auch mit der Stärke der Gefühle.“

 

 

Arno Camenisch: Der Schatten über dem Dorf, Engeler

Das Dorf in Graubünden liegt während der Wintermonate immer im Schatten, aber die Bewohner der 25 Häuser wissen ja, dass irgendwann der Frühling kommt und die Sonne wieder auf ihr Dorf scheinen wird. Den Schattenwinter waren sie gewohnt, der machte ihnen nicht zu schaffen, aber die Tragödie, die sich im Dorf vor Jahrzehnten ereignet hatte – sie warf lebenslang einen scharfen und langen Schatten auf das Dorf und schmerzt immer noch. So sehr, dass keiner darüber sprechen will. „Seitdem lag über dem Dorf ein feiner Hauch von Traurigkeit“ , schreibt Arno Camenisch, der in diesem Dorf aufgewachsen ist.

Nun bricht Camenisch das Schweigen über den tragischen Vorfall in seinem Dorf und beginnt seinen Bericht mit dem Satz „Die Welt stand still...“ Arno Camenisch erzählt von seinem Dorf, seinen Toten, seinen Verlusten und über die Tragödie: Er blickt zurück, voller Respekt und in warmherziger Erinnerung, beschreibt, wie es damals war, mit klaren Worten und in melancholischem Ton. Ein Bericht wie ein Epitaph für „die Menschen, die er weiter im Herzen trägt“.

Man weiß, dass das Verschwinden und Vergehen Camenisch's großes Thema ist, nur in diesem Buch ist alles anders. Kein verschroben-liebenswürdiges Sprachgemisch aus Hochdeutsch, Dialekt und Romanisch, keine komisch-kauzigen Begebenheiten oder Situationen. Als jedoch auch im neuen Buch der Kiosk mit Tanksäule beschrieben wird, der im letzten Camenisch-Buch im Mitttelpunkt stand, fühlt man sich sofort heimisch. (Buchtipp "Goldene Jahre", siehe auch Rubrik unter Menüpunkt "Mehr").

Der Erzähler ist also in sein Dorf zurück gekehrt, nur für kurze Zeit und zu einer Zeit, in der die ganze Welt innehält. Also jetzt. Er spaziert einmal durchs ganze Dorf, redet mit niemandem, nur mit sich selbst und den Toten. Er geht am Haus der Großeltern vorbei, sieht vor seinem inneren Auge den Großvater im beigen Kittel in seiner Rechenmacher-Werkstatt arbeiten, er denkt an seinen Vater, von dem er nie wissen wird, „was ihm eigentlich im Herzen brannte“, läuft am Haus der Tante vorbei, dem Restaurant Helvezia, wo sich die Familie immer am Ruhetag traf, am Bahnhof und am früheren Dorfladen. Und er passiert die Elternhäuser der drei Kinder, die ein Jahr vor seiner Geburt beim Spielen in einer Baumhütte oberhalb des Dorfes verbrannt sind. Das Unglück, das immer noch Rätsel aufgibt, geschah im August 1976. Der Schmerz darüber ist im Dorf nie vergangen. Das vierte Kind, das sonst immer mit den drei Freunden zusammen war, überlebte, weil die Mutter es an diesem Tag statt zum Spielen aufs Feld zum Heuen schickte. Zwei der umgekommenen Brüder kennt der Autor noch von einem Foto im Wohnzimmer der Familie. Es zeigt sie in ihren Kommunion-Kleidern mit ihrer Kerze in der Hand.

Camenisch erinnert sich an die vertrauten Menschen seiner Familie, stellt Fragen, die keiner mehr beantworten wird, beschreibt den Schmerz und die Erschütterung und denkt bei diesem Besuch, den er hier seiner Kindheit abstattet, über sein Leben nach. Mit 18 ist er aus dem Dorf weggegangen, hat die Welt erlebt. Aber bereits, als er mit der Mutter am Totenbett des Vaters saß, begriff er, „wie groß das Universum war, in dem er aufgewachsen war“. Er hat damals leise „danke„ gesagt. Ein sehr persönliches Buch, eine berührendes Lese-Erlebnis.

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay

Carlo Weiss hat seine Mutter in ein Seniorenheim gebracht, nachdem sie ein Beistelltischchen aus dem Fenster geworfen hatte. Zum Glück war kein Passant unterwegs gewesen, als der Tisch krachend auf dem Bürgersteig aufschlug. Carlo ist Landschaftsgärtner, ein einsamer Mann, nachdem Ehefrau Ana ihn verlassen hat und die gemeinsame Tochter in London studiert. Als der Anruf aus dem Altenheim kommt, dass Mutter verschwunden und jegliche Suche bisher erfolglos gewesen sei, fährt er mit Agon , seinem Hilfsgärter aus dem Kosovo (Klappentext: eine sensible Seele in einem massigen Körper“ ), sofort zum Heim.

Im Zimmer seiner Mutter entdeckt er ein Foto aus ihrer Jugendzeit, 15 oder 17 muss sie damals gewesen sein. Es stammt aus der Zeit, als die Mutter Brot und Gebäck aus der Bäckerei ihres Vaters jeden Morgen mit dem Fahrrad an die großen Hotels in Montreux auslieferte. Carlo hat dieses Foto zuvor nie gesehen. Was bedeutet es, was ist mit Mutter passiert? Was weiß er, ihr Sohn, eigentlich von seiner Mutter? Carlos Gedanken fliegen kreuz und quer: „Ich wollte aus dem Fenster schauen, erblickte aber nur mein Abbild, das eines 45jährigen Buben als Spiegelung auf der dunklen Scheibe. Ich war ratlos und traurig, gefangen in einem dieser Momente von Entfremdung, in denen man wie abgeschnitten ist vom normalen Lauf der Dinge“ ...

 

Carlo wird plötzlich bewußt, dass er mit Mutter, die Kindheit abgezogen, nicht mehr als zwölf Jahre zusammengelebt hat. „Vielleicht zu kurz, um einen Menschen wirklich zu kennen“, reflektiert er. „Mama hatte eine Existenz vor mir gehabt, und nachher (nach seinem Auszug mit 17) lebte sie ihr Leben ohne mich weiter. Diese beiden Realitäten blieben für mich im Dunkeln.“

 

Der Schweizer Schriftsteller Roland Buti („Das Flirren am Horizont“) ist ein präziser und einfühlsamer Bebobachter von Mensch und Natur, ein Grübler über die Windungen und Wirrungen der Lebensläufe der Menschen und einer, der das Werden von Fauna und Flora staunend und voller Respekt erlebt. Gärten zum Beispiel sieht er als Refugium: „Gärten und Grün trösten. Gärten sind ein geschlossener, geschützer Raum.“ Über all das nachzudenken und das in einer poetischen Sprache zu beschreiben, das ist seine Kunst. Buti gelingt es, seine Figuren vertraut werden zu lassen, sie dem Leser nahe zu bringen. In „Das Leben ist ein wilder Garten“ ist es vor allem Agon, den er so liebevoll, warmherzig und sensibel ausstattet. Im Gespräch mit einer alten Dame aus dem Heim, nimmt Agon deren Hände in seine und schaute ihr geradewegs in die Augen. „Großmütter sind für Agon eine Kategorie außerhalb der gewöhnlichen Menschheit, und wie zivilisiert eine Gesellschaft ist, äußert sich seiner Ansicht nach ganz unmittelbar darin, welche Wichtigkeit sie den Großmüttern angedeihen lässt...“ Die alte Dame reagiert aufs schönste. Agon rieche nach frischem Grün und erinnere sie an den zarten Duft von Unterholz. Außerdem kennt Agon ein köstliches Rezept für Geleebonbons mit Hanf und Quitte.

 

 

Buti faszinieren, wie er im Interview sagt, „ die mysteriösen Dinge, die sich stets zwischen die Beziehungen der Menschen untereinander schieben.“ Das ist auch die Geschichte dieses Romans, in dem Carlo Stück für Stück eine ganz neue Seite im Leben seiner Mutter entdeckt: Madame Weiss ist aus dem Seniorenheim ausgebrochen und an den Ort ihrer ersten Liebe zurückgekehrt: in das Luxushotel Grand International in den Bergen oberhalb von Montreux am Genfer See. „Wir mögen Madame Weiss sehr“, begrüßt ihn der Hoteldirektor. Carlo erfährt von Mutters exotischer, geheimnisvoller Liebe. War sie das wichtigste in Mutters Leben? Er hat sie das in ihren letzten Tagen nicht mehr gefragt. Auch nicht, ob sie eigentlich ein glückliches Leben hatte...