Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten, Zsolnay

Carlo Weiss hat seine Mutter in ein Seniorenheim gebracht, nachdem sie ein Beistelltischchen aus dem Fenster geworfen hatte. Zum Glück war kein Passant unterwegs gewesen, als der Tisch krachend auf dem Bürgersteig aufschlug. Carlo ist Landschaftsgärtner, ein einsamer Mann, nachdem Ehefrau Ana ihn verlassen hat und die gemeinsame Tochter in London studiert. Als der Anruf aus dem Altenheim kommt, dass Mutter verschwunden und jegliche Suche bisher erfolglos gewesen sei, fährt er mit Agon , seinem Hilfsgärter aus dem Kosovo (Klappentext: eine sensible Seele in einem massigen Körper“ ), sofort zum Heim.

Im Zimmer seiner Mutter entdeckt er ein Foto aus ihrer Jugendzeit, 15 oder 17 muss sie damals gewesen sein. Es stammt aus der Zeit, als die Mutter Brot und Gebäck aus der Bäckerei ihres Vaters jeden Morgen mit dem Fahrrad an die großen Hotels in Montreux auslieferte. Carlo hat dieses Foto zuvor nie gesehen. Was bedeutet es, was ist mit Mutter passiert? Was weiß er, ihr Sohn, eigentlich von seiner Mutter? Carlos Gedanken fliegen kreuz und quer: „Ich wollte aus dem Fenster schauen, erblickte aber nur mein Abbild, das eines 45jährigen Buben als Spiegelung auf der dunklen Scheibe. Ich war ratlos und traurig, gefangen in einem dieser Momente von Entfremdung, in denen man wie abgeschnitten ist vom normalen Lauf der Dinge“ ...

 

Carlo wird plötzlich bewußt, dass er mit Mutter, die Kindheit abgezogen, nicht mehr als zwölf Jahre zusammengelebt hat. „Vielleicht zu kurz, um einen Menschen wirklich zu kennen“, reflektiert er. „Mama hatte eine Existenz vor mir gehabt, und nachher (nach seinem Auszug mit 17) lebte sie ihr Leben ohne mich weiter. Diese beiden Realitäten blieben für mich im Dunkeln.“

 

Der Schweizer Schriftsteller Roland Buti („Das Flirren am Horizont“) ist ein präziser und einfühlsamer Bebobachter von Mensch und Natur, ein Grübler über die Windungen und Wirrungen der Lebensläufe der Menschen und einer, der das Werden von Fauna und Flora staunend und voller Respekt erlebt. Gärten zum Beispiel sieht er als Refugium: „Gärten und Grün trösten. Gärten sind ein geschlossener, geschützer Raum.“ Über all das nachzudenken und das in einer poetischen Sprache zu beschreiben, das ist seine Kunst. Buti gelingt es, seine Figuren vertraut werden zu lassen, sie dem Leser nahe zu bringen. In „Das Leben ist ein wilder Garten“ ist es vor allem Agon, den er so liebevoll, warmherzig und sensibel ausstattet. Im Gespräch mit einer alten Dame aus dem Heim, nimmt Agon deren Hände in seine und schaute ihr geradewegs in die Augen. „Großmütter sind für Agon eine Kategorie außerhalb der gewöhnlichen Menschheit, und wie zivilisiert eine Gesellschaft ist, äußert sich seiner Ansicht nach ganz unmittelbar darin, welche Wichtigkeit sie den Großmüttern angedeihen lässt...“ Die alte Dame reagiert aufs schönste. Agon rieche nach frischem Grün und erinnere sie an den zarten Duft von Unterholz. Außerdem kennt Agon ein köstliches Rezept für Geleebonbons mit Hanf und Quitte.

 

 

Buti faszinieren, wie er im Interview sagt, „ die mysteriösen Dinge, die sich stets zwischen die Beziehungen der Menschen untereinander schieben.“ Das ist auch die Geschichte dieses Romans, in dem Carlo Stück für Stück eine ganz neue Seite im Leben seiner Mutter entdeckt: Madame Weiss ist aus dem Seniorenheim ausgebrochen und an den Ort ihrer ersten Liebe zurückgekehrt: in das Luxushotel Grand International in den Bergen oberhalb von Montreux am Genfer See. „Wir mögen Madame Weiss sehr“, begrüßt ihn der Hoteldirektor. Carlo erfährt von Mutters exotischer, geheimnisvoller Liebe. War sie das wichtigste in Mutters Leben? Er hat sie das in ihren letzten Tagen nicht mehr gefragt. Auch nicht, ob sie eigentlich ein glückliches Leben hatte...